wundene Akten: Sri Lankas Impunität und die blinden Flecken der Technik
Genf, Hauptquartier der Drahtlosen. Ein Bericht wird veröffentlicht, am Donnerstag vergangener Woche, pünktlich zur 63. Sitzung des UN-Menschenrechtsrats. Volker Türk, Hoher Kommissar, spricht Klartext: Sri Lanka müsse mehr tun, gegen die "lange Hinterlassenschaft der Straflosigkeit", gegen Folter, gegen Tote in Polizeigewahrsam. Präsident Anura Kumara Dissanayake, gewählt im September 2024 mit einem Mandat auch der ethnischen Minderheiten, sitzt zwei Jahre im Amt. Der Bericht erwähnt "bedeutsame Schritte" gegen Korruption, hochkarätige Festnahmen, polizeiliche Ermittlungen zu Verschwindenlassen und zu den Anschlägen vom Ostersonntag 2019. "Meaningful progress" bleibe "weitgehend absent", wenn es um Verantwortung für internationale Verbrechen geht – begangen von Sicherheitskräften und den Liberation Tigers of Tamil Eelam in einem fast dreissigjährigen Konflikt.
Das ist die offizielle Lesart. Auf der Frequenz, die ich höre, klingt sie anders. Sie klingt nach Stille.
Wo sind die Zahlen? Wie viele Verschwundene? Wie viele Foltervorwürfe? Wie viele Tote in Gewahrsam? Der Bericht nennt sie nicht. Er spricht von einer "historischen Chance" – dem diplomatischen Codewort, das immer dann fällt, wenn die Aktenlage dünn ist. Die Tamilinnen, die am Rand der Massengräber von Chemmani im ehemaligen Kriegsgebiet von Jaffna Porträts ihrer vermissten Angehörigen hochhalten, sprechen seit Jahrzehnten in eine Leitung, die nicht antwortet.
Hier beginnt die technische Frage. Sri Lankas Straflosigkeit ist nicht nur ein politisches Versagen. Sie ist auch eines der Datenhoheit. Wer kontrolliert die Archive der Sicherheitskräfte? Wer hat Zugriff auf Krankenhausregister aus den Kriegsjahren? Wer pflegt die Datenbanken, in denen Festnahmen, Überstellungen und Freilassungen verzeichnet sein müssten? Die Massengräber von Chemmani werden seit Jahren untersucht – aber wie viele forensische Datensätze wurden tatsächlich ausgewertet, mit welchen Werkzeugen, von wem, unter welcher Aufsicht?
Es ist kein Zufall, dass Türk nur vier Tage später, am Montag dieser Woche, vor demselben Rat eine zweite Rede hält. Diesmal über Künstliche Intelligenz. Seine Warnung ist ungewöhnlich scharf: Fortgeschrittene KI könne ein "existenzielles Risiko" für die Menschheit darstellen. Er fordert "gusseiserne Garantien", bevor es zu spät sei. Eine kleine Gruppe von Männern halte "nahezu unbegrenzte Macht" über KI. Er nennt keine Namen, aber jeder in der Branche weiss, wer gemeint ist: Meta, Anthropic, OpenAI, Google. Die Systeme könnten kritische Infrastruktur, Kommunikationsnetze und demokratische Systeme stören.
Auf den ersten Blick haben diese beiden Themen nichts miteinander zu tun. Sri Lanka. KI. Ein Inselstaat mit Bürgerkriegsgeschichte. Kalifornische Konzerne mit Milliarden Parametern. Auf der zweiten Frequenz gehört das zusammen. Beide Fragen drehen sich um dasselbe: Wer besitzt die Daten, wer kontrolliert die Werkzeuge, wer kann sie manipulieren, wer kann sie zum Schweigen bringen?
Russlands Berichte über den Einsatz autonomer Drohnen, die Türk ebenfalls verurteilt, fügen sich ein. Automatisierte Waffensysteme hinterlassen Datenspuren – oder eben nicht. Die Verhaftungen in Jaffna zwischen 2008 und 2009 werden nur rekonstruierbar, wenn jemand die Datenträger findet. Forensische DNA-Analyse, digitale Archivierung, KI-gestützte Identifikation von Überresten: alles vorhanden, alles bezahlbar. Es wird nur nicht eingesetzt. Oder es wird eingesetzt, und die Ergebnisse landen in Schubladen, deren Schlüssel niemand herausrückt.
Was in Colombo fehlt, ist keine Technologie. Es ist die Infrastruktur der Aufklärung. Offene Daten, offene Archive, offene Werkzeuge. Die historische Chance, von der der UN-Bericht spricht, bleibt hohl, solange niemand die Archive öffnet. Und die Warnung vor der existenziellen KI-Gefahr bleibt abstrakt, solange wir nicht begreifen, dass die Strukturen, die in Jaffna über Verschwundene entscheiden, und die Strukturen, die in Kalifornien über Datenmengen entscheiden, aus verwandtem Material gebaut sind.
Die Überschrift einer Meldung, die ich nicht schreiben werde: "UN lobt Sri Lankas Fortschritte." Die Überschrift, die ich schreiben könnte: "Daten verschwinden, Menschen verschwinden, Verantwortung verschwindet."
Ada Voss lauscht den Drähten für die Terminal Tribune, Funkhaus Hafenstrasse, wo der Kaffee kalt wird und das Lötzinn heiss bleibt.
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