Doolla. Wakode. Das Schweigen dazwischen
Die Drähte summen. Ich höre zwei Versionen derselben Nacht.
Am 18. September wird der 22-jährige Sahil Wakode leblos in seinem Zimmer im Hostel des Indian Institute of Technology Bombay gefunden. Zweites Jahr, Department of Energy Science and Engineering. Wenige Stunden zuvor ist er bei einer Klausur aufgefallen — angeblich beim Versuch, eine Frage über ein Mobiltelefon an ChatGPT zu schicken. Was in den Stunden zwischen Klausur und seinem Tod passierte, darüber schweigen die Beteiligten. Oder sie reden — aber nicht dasselbe.
Die Eltern, Ravindra und Sonali Wakode aus Yavatmal, sagen: Drei Monate lang habe der Dozent Suryanarayana Doolla ihren Sohn mit Kasten-Beleidigungen traktiert. Er habe ihn bedroht, in falsche Fälle verwickelt zu werden. Auf Anweisung des Direktors, sagt der Vater. Die Polizei in Powai nimmt die Anzeige am 19. September auf. Anstiftung zum Selbstmord, dazu Paragraphen des Scheduled Castes and Scheduled Tribes (Prevention of Atrocities) Act. Die Ermittlung wandert zur Crime Branch der Mumbai Police, ein Offizier im Rang eines ACP übernimmt. Doolla wird beurlaubt — zur Sicherung einer unparteiischen Untersuchung, sagt das Institut.
Dann teilen sich die Erzählungen wie ein Bündel falsch verdrahteter Kabel.
Die Studentenvertretung sagt: Unser Protest war keine Verteidigung akademischen Fehlverhaltens. Wir protestieren gegen institutionelle Verantwortungslosigkeit.
Das IIT-Bombay Faculty Forum sagt: Professor Doolla hat ein institutsgenehmigtes Verfahren befolgt, als er den Studenten wegen Prüfungsbetrugs meldete.
Diese beiden Sätze können nicht gleichzeitig vollständig wahr sein. Oder beide sind wahr, und dann fragt sich: Was wiegt schwerer — das Verfahren auf dem Papier oder das, was zwischen Dozent und Student drei Monate lang im Seminarraum geschehen sein soll? Was genau, sagt mir keine der beiden Seiten.
Einzelne Fakultätsmitglieder distanzieren sich von der Verteidigung des Faculty Forum für Doolla. Sie fordern faires Verfahren. Sie sagen nicht, dass er schuldig ist. Sie sagen nicht, dass er unschuldig ist. Sie sagen: Lasst die Ermittlung arbeiten. Was ich aus zwanzig Jahren am Draht höre: Wenn sich eine Institution nicht auf eine Stimme einigen kann, dann ist die Frage nicht der einzelne Dozent, sondern die Institution.
Am 23. September ruft Rahul Gandhi, Oppositionsführer im Lok Sabha, per Videoschaltung an. Siebzehn Minuten. Ravindra und Sonali Wakode sind auf dem Weg von Yavatmal nach Mumbai, begleitet vom Präsidenten Uday Bhanu Chib und Maharashtra-Chef Shivraj More vom Indian Youth Congress. Gandhi sagt: Ich bin bei euch. Er sagt nicht: Ich werde das Institut schließen.
Die Eltern treten am 24. September in einen unbefristeten Hungerstreik vor dem Tor des IIT Bombay. Sie wenden sich an den Vorsitzenden der National Commission for Scheduled Castes. Sie fordern die Verhaftung Doolla. Sie fordern die Verhaftung des Direktors.
Druck formt Narrative. Das Faculty Forum veröffentlicht eine Stellungnahme. Die IIT-Madras Faculty Association springt bei. Kollegialität über Institutsgrenzen hinweg, sagen sie. Man muss die Integrität der Prüfungen schützen. Was sie nicht sagen: Ob die Integrität der Prüfungen einen Menschen wert war.
Der Physiker H. C. Verma hebt die Hand. Er warnt vor einer unethischen Prüfungskultur. Er sagt nicht: Doolla. Er sagt: Das System.
Was offen auf meinen Frequenzen bleibt und was ich nicht schließen kann, auch wenn ich wollte: — Was war die genaue Todesursache? Quellen sprechen vom Auffinden im Hostel-Zimmer. Ein forensischer Bericht liegt mir nicht vor. — Was geschah in den Stunden zwischen Klausur und Tod? Wer war im Zimmer, wer ging vorbei? — Was genau hat Doolla in den drei Monaten gesagt? Wer hat es gehört, wer nicht? — Hat der Direktor Anweisungen gegeben, wie der Vater behauptet? Das Institut antwortet öffentlich nicht. — Welche institutsinternen Verfahren wurden eingehalten, welche umgangen? — Und am Ende: Zwei Erzählungen, zwei Wahrheiten — oder eine, die sich selbst nicht eingestehen will?
Sahil Wakode ist tot. Suryanarayana Doolla ist beurlaubt. Die Crime Branch ermittelt. Das Faculty Forum verteidigt. Einzelne Dozenten halten Abstand. Die Studierenden trauern. Rahul Gandhi verspricht Hilfe.
Ich bin Reporterin, keine Richterin. Ich übersetze Signale. Aber wenn ein Institut gleichzeitig ein Forum hat, das einen Dozenten verteidigt, und Dozenten, die sich davon distanzieren, und Studierende, die protestieren ohne Prüfungsbetrug zu entschuldigen, und Eltern, die vor dem Tor hungern — dann ist die Geschichte nicht die Geschichte eines einzelnen Dozenten. Dann ist die Geschichte eine, die sich selbst nicht erzählen kann, ohne sich zu widersprechen.
Die Drähte summen weiter. Ich bleibe dran.
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