ICHIRO MIT 52: HUNDERT SIEBENUNDZWANZIG WÜRFE
Die Depesche kam über Seattle. Sie trug einen Stempel, der nach Sensation roch, und am Ende doch nur nach altem Schweiß. Ein Mann, zweiundfünfzig Jahre alt, wirft hundertsiebenundzwanzig Bälle in einem Spiel. Siebzehn davon löschen die Schlagfrau aus. Kein einziger Punkt für die Gegenseite. Fünfundzwanzigtausend Zuschauer unter der Kuppel von Tokio.
Die Gegner: das All-Star-Team japanischer Oberschülerinnen.
Lege diese Zahlen auf den Tisch und betrachte sie wie eine Schaltung, die nicht mehr funktionieren sollte. Ichiro Suzuki. Dem Leser in Hamburg oder Köln sagt der Name nichts, dem Leser in Seattle alles. Neunzehn Saisons in der Major League, dazu die Jahre in Japans oberster Liga. Hall of Fame beim ersten Wahlgang, dreihundertdreiundneunzig von dreihundertvierundneunzig Stimmen, im Jahr seines Abschieds von 2019. Sechs Jahre später steht er wieder auf dem Hügel. Und er schlägt auch noch. Leadoff-Hitter im eigenen Spiel, nebenbei. Wer das nebensächlich findet, hat den Satz nicht gelesen.
Die Korrespondenten haben nachgeprüft. Die Seattle Times brachte die Primärmeldung. Major League Baseball, Yahoo Sports und das Breitbart bestätigen dasselbe Bild. Es ist keine Zeitungsente aus dem Clubhaus, kein Boulevardsonntag. Es ist eine vollständig dokumentierte Begebenheit, die sich nur weigert, in das Schema zu passen, das wirksame Leistung und menschliches Altern uns beigebracht haben.
Hundertsiebenundzwanzig Würfe. Das ist kein Rekord für die Ewigkeit — moderne Werfer absolvieren mehr, ein vollständiger Shutout bedeutet nicht zwingend Höchstgeschwindigkeit. Aber es ist eine Zahl, die bei einem Zweiundfünfzigjährigen in einer Ausstellung gegen ein Mädchenteam keinen Sinn ergibt, solange man den Körper als Maschine begreift, die mit dreißig ihren Dienst quittiert.
Was also treibt diesen Arm?
Ichiro hat es selbst gesagt. „Ich wollte sehen, wo meine Grenzen heute liegen, und das hat mir Vertrauen gegeben." Das ist die Sprache eines Mannes, der das Wort „Grenze" benutzt wie ein Mechaniker das Wort „Belastbarkeit". Er hat das Spiel angekündigt als Test. Zweitausendeinundzwanzig: siebzehn Strikeouts gegen dieselben Mädchen. Zweitausendvierundzwanzig: hundertsechzehn Würfe, neun Strikeouts. Nun zweitausendsechsundzwanzig: hundertsiebenundzwanzig, siebzehn. Die Kurve steigt nicht. Sie schwingt zurück auf das Niveau, das er vor sechs Jahren verließ.
Die Mechanik. Der Drehpunkt im Schultergelenk, die Sehnen, die Rotatorenmanschette, der Ermüdungsbruch, der im Profisport bei jedem zweiten Werfer lauert. Ein Mann, der hundertsiebenundzwanzig Würfe aus einem Spiel trägt, beansprucht diese Mechanik wie ein Lokführer eine Maschine über die Garantielaufleistung hinaus. Es geht, bis es nicht mehr geht. In der Spitzenliga wird der Werfer alle fünf Tage gedreht, der Arm bekommt Ruhe. Ichiro hatte sechs Jahre Ruhe. Sechs Jahre ohne Wettkampfwurf. Dann diese Show.
Es gibt eine alte Telegrafistenregel: Wenn das Signal zu sauber klingt, prüfe den Empfänger. Hier prüfe ich die Quelle. Das Tokio-All-Star-Spiel ist eine jährliche Inszenierung zur Förderung des Frauenbaseballs in Japan. Hideki Matsui, Yankees-Legende, steht als Mitspieler auf dem Feld. Das ist keine spontane Laune. Es ist Werbung für ein Frauenprogramm. Und es ist, nebenbei, ein Zirkus, in dem der Star ein Mann ist, der die weiblichen Talente statistisch in den Boden spielt. Ich notiere das ohne moralinsaure Geste. Es gehört zum Auftrag, hinzusehen.
Die Technik hinter dem Wurf: ein Fastball mit vierundachtzig Meilen pro Stunde, den Ichiro im Jahr zweitausendfünfundzwanzig bei einem Auftritt im Mariners-Trikot dem damaligen Manager Dan Wilson zuwarf. „Das war Benzin", sagte Wilson. „Ich bin froh, daß ich es gefangen habe." Vierundachtzig Meilen — das ist nichts, womit man bei einem aktiven Werfer Eindruck macht. Aber es kommt von einem Zweiundfünfzigjährigen, der sechs Jahre lang keinen offiziellen Ball geworfen hat.
Es gibt einen Schatten, über den niemand spricht und den ich nicht ohne Beleg unterstelle. Die Pharmakologie des Leistungsalters. Was bleibt einem Körper, der sechs Jahre Pause hatte und dann hundertsiebenundzwanzig Würfe absolviert? Saubere Physiologie, eine einmalige Gelenkskonstitution, ein Training im Hintergrund, das niemand dokumentiert — oder etwas, das in keinem offiziellen Bulletin steht. Ich empfange nur, was auf den Drähten liegt. Was ich nicht empfange, schreibe ich auch nicht.
Ein einzelner Reporter, sagt man, habe ihn bei der Hall-of-Fame-Wahl 2019 nicht auf den Stimmzettel gesetzt. Ein einziger von dreihundertvierundneunzig. Vielleicht überlegt er es nun.
Die Drähte summen weiter. Irgendwo in Osaka oder Seattle sitzt ein Mensch, der die richtige Antwort auf die Frage nach den Grenzen hat. Ich tippe nur, was ankommt.
❖ Ende des Artikels ❖
