Waffe am Schlüsselbund, Gebet auf dem Tempelberg
Die Drähte summen. Diesmal nicht zwischen Kairo und London, sondern zwischen Ramat Gan und Jerusalem, zwischen einer Schule und einem heiligen Hof. Was als Wahlkampf-Gadget beginnt, endet als diplomatisches Beben. Dazwischen liegt ein Schlüsselanhänger aus Blech — und der Versuch, einen Henker-Strick durch die Tür eines Schuldirektors zu schmuggeln.
An der Blich High School in Ramat Gan verteilten Anhänger von National Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir am Donnerstag Schlüsselanhänger in Waffenform an Schüler. Eine chaotische Mock-Election-Veranstaltung, so berichtet die israelische Zeitung Haaretz. Die Anhänger seiner Partei Otzma Yehudit handelten unter dem Banner eines Ministers, der das nationale Sicherheitsressort innehat — und der zugleich selbst auf dem Anhänger abgebildet ist, eine Waffe haltend.
Die Aufschrift: "Guns Save Lives." Die Form: pistolenförmig, das Material: Blech, die Zusatzfunktion: Flaschenöffner. Ein Alltagsgegenstand, der zwei Funktionen vereint — die eine politisch, die andere praktisch. Wer den Anhänger benutzt, hält die Waffenform in der Hand, ohne sie als Waffe zu lesen. Das ist keine Magie. Das ist Design.
Haaretz berichtet weiter, dass dieselben Anhänger versuchten, weitere Schlüsselanhänger in Form einer Schlinge auszugeben — Nooses, Henker-Stricke. Der Schulleiter verhinderte die Aktion. Die Verhinderung sagt mehr als die Verteilung. Sie zeigt, was noch in der Tasche steckte, was noch geplant war, was durch eine einzelne Entscheidung an einer Schultür gestoppt wurde.
Wenige Tage später, am Sonntag, betrat Ben Gvir erneut den Innenhof der Al-Aqsa-Moschee in Ost-Jerusalem. Begleitet von israelischen Sicherheitskräften, berichtet die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa. Es war das zweite Mal binnen weniger Wochen. Im östlichen Abschnitt des Areals führte er talmudische Gebete durch. Nach der bestehenden Status-quo-Regelung dürfen Nicht-Muslime den Hof betreten, aber nicht beten. Was als Besuch erscheint, ist in der Durchführung eine Überschreitung.
Die Quellen, die über dieselbe Figur berichten, sprechen unterschiedliche Sprachen. Während die eine das Schlüsselanhänger-Ereignis als "chaotisch" im Rahmen einer Mock Election einordnet, beschreibt die andere den Tempelberg-Besuch nüchtern als Eintritt mit Gebet. Eine dritte, das jordanische Außenministerium, spricht von einer "inakzeptablen Provokation." Drei Quellen, drei Vokabulare. Die Differenz ist nicht stilistisch — sie ist strukturell. Welche Beschreibung sich durchsetzt, hängt davon ab, wer das Mikrofon hält.
Das jordanische Außenministerium verurteilte den Vorgang. Sprecher Sufyan al-Momani sprach von einer "klaren Verletzung des humanitären Völkerrechts" und warnte vor Konsequenzen, sollten die "provokativen Praktiken" anhalten. Israel habe "keine Souveränität" über das besetzte Jerusalem oder seine islamischen und christlichen heiligen Stätten, so al-Momani. Die internationale Gemeinschaft wurde aufgerufen, eine "feste Haltung" einzunehmen.
Was ist der politische Output dieser Schlüsselanhänger? Sie sind kein Zufall. Sie tauchen in einer Schule auf, in einer Zeit, in der Ben Gvir im Januar Lizenzen für Israelis in 18 zusätzlichen Siedlungen im besetzten Westjordanland genehmigt hat. Die Kette läuft: Lizenz, Waffe, Symbol, Anhänger, Schüler. Die Werbung trägt das Gesicht des Ministers, der die Lizenz erteilt. Beide Geschichten stammen aus derselben Hand.
Und dahinter: der Hof von Al-Aqsa, das Gebet im östlichen Abschnitt, die Soldaten als Begleitung, der Status quo als gebrochene Konvention. Die Frage ist nicht, ob der Minister provoziert. Die Frage ist, an welches Publikum sich die Provokation richtet — an die Schüler in Ramat Gan, an die Gläubigen auf dem Tempelberg, an die Diplomaten in Amman, oder an die Kameras dazwischen.
Die Wahrheitsfindung ist hier ein technologisiertes Schlachtfeld. Die Berichte erreichen uns über Live-Blogs, über Agenturen, über Zeitungen mit unterschiedlichen Sprachregelungen. Die Quellenlage ist nicht arm. Sie ist überflutet. Wer den Anhänger verteilt, wer das Gebet verrichtet, wer die Verurteilung ausspricht — alle drei Akteure senden auf derselben Frequenz. Nur die Modulation ist verschieden.
Mein Lötkolben summt. Die Übersetzung steht.
❖ Ende des Artikels ❖
