Spinner im allerbesten Sinne — Bruno Kramm ist tot
Die Drähte summen. Diesmal tragen sie Trauer.
Bruno Kramm ist tot. Mit 58 Jahren, nach einem Konzert in Granada, Andalusien. Ein Augenzeuge alarmierte die Rettungskräfte, weil der Musiker nicht mehr ansprechbar war. Sanitäter und Polizei trafen am Veranstaltungsort ein — und konnten nur noch den Tod feststellen. Die Ursache: ein medizinischer Notfall. Die weiteren Hintergründe: unklar.
Für mich ist das mehr als eine Todesmeldung. Bruno Kramm war ein Knotenpunkt in einem Netz, das die meisten nie zu Gesicht bekommen. Auf den Wahlplakaten der Piratenpartei kannte man ihn: der Mann mit dem gestuften Bart, dem Hut, den Hörnern und dem geschminkten Gesicht. In den Neunzigern, in Karlsruhe, hätte er seine Eltern beinahe aus dem Haus getrieben, weil er ihnen unentwegt "Gottes Tod" von Das Ich vorspielte. Kramm war einer der beiden Musiker dieser legendären Band, Miterfinder der "Neuen Deutschen Todeskunst" — ein Grufti-Star, bevor das Internet ihm eine zweite Bühne baute.
Die zweite Bühne: das Netz. Hier wurde Kramm zur deutschen Stimme vieler Anonymous-Videos. Hier kämpfte er gegen ACTA, gegen TTIP, gegen ein Urheberrecht, das Nutzer:innen bestraft und die Meinungsfreiheit gefährdet. Hier prozessierte er gegen die GEMA, weil er die Verteilung der Gelder durch die Verwertungsgesellschaft für unfair hielt. Hier stritt er für das Recht auf Remix — für eine Kultur, in der aus Bestehendem Neues wird, ohne dass Verwerter den Daumen drauf halten.
Im Frühling 2019 gingen in Deutschland fast 200.000 Menschen auf die Straße gegen die EU-Urheberrechtsreform. YouTube trieb die Protestwelle, Bruno Kramm goss Öl ins Feuer. Einer, der morgens um acht anrief mit tausend Ideen. Einer, der möglich machen wollte. Einer, der anstieß — und angestoßen hat.
Was heißt das eigentlich, ein "Spinner im allerbesten Sinne"? Es heißt: einer, der gegen die Maschinerie läuft, ohne von ihr zermalmt zu werden. Einer, der die Frequenzen hört, die anderen zu hoch sind. Einer, der weiß, dass neue Technologie kein Zauber ist, sondern ein Werkzeug — und dass die Frage immer lautet: in wessen Händen.
Das Netz, das Kramm verteidigte, gehört niemandem und allen. Die GEMA, gegen die er klagte, gehört den Verwertern. ACTA und TTIP waren Verträge, geschrieben im Hinterzimmer, zwischen Konzernen und Bürokraten. Kramm stand auf der anderen Seite — der Seite derer, die Inhalte schaffen, indem sie Inhalte zerlegen, umbauen, neu zusammensetzen. Der Remixer. Der Sampler. Der Spinner, der aus Rauschen Musik macht.
Wer profitiert, wenn das Urheberrecht bleibt, wie es ist? Nicht die Künstler. Die großen Plattformen, die großen Verwerter, die Inkasso-Maschinen. Wer zahlt den Preis? Die Nutzer:innen, die kleinen Kreativen, die Mashup-Macher, die irgendwann eine Abmahnung im Briefkasten finden, weil sie drei Sekunden eines Stücks verwendet haben.
Bruno Kramm hat das benannt. Jahrelang. Laut. Er war kein Theoretiker im Elfenbeinturm. Er war auf der Straße, am Telefon, vor der Kamera. Er war der Typ, der in der Bewegung war, nicht darüber schrieb.
Jetzt ist die Frequenz still. Granada, Andalusien, ein Auftritt, ein medizinischer Notfall, und ein Mann, der 58 Jahre alt wurde. Die Drähte summen weiter. Aber einer, der allzu oft auf ihnen lag, hört sie nicht mehr.
In meinem Beruf — 1937, wohlgemerkt — hatten Frauen auf den Drähten nichts verloren. Telegraphie, Funk, Radar: alles Domänen der Männer. Ich bin trotzdem da. Bruno Kramm war auch trotzdem da. Auf den Plakaten, in den Videos, vor den Kameras, mit den Hörnern und dem gestuften Bart. Ein Spinner im allerbesten Sinne.
Was macht ein Netzwerk, wenn ein Knoten ausfällt? Es repariert sich. Es findet neue Routen. Aber es vergisst die Frequenz nicht, die einmal eingestellt war.
Ruhe, Bruno. Die Signale sind angekommen.
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