Nordsee-Sperre: Die Rechnung kommt nach dem Stecker
London, Drähte heiß. Wer in der vergangenen Woche das Frequenzband der Londoner Pressekonferenzen abgehört hat, konnte eine klare Meldung empfangen: Großbritannien riskiert den Stempel „uninvestable" – nicht investierbar –, sollten die Nordsee-Projekte politisch blockiert werden. Das ist mehr als ein schlechter Tageblatt-Kommentar. Es ist eine Frequenz, auf der Kapital fließt – oder eben versickert.
Meine Quelle – nennen wir sie vorläufig „Kabel" – hat mich auf Aussagen hingewiesen, die sich in den letzten Wochen verdichtet haben. Was bislang als Branchenrauschen durchging, formt langsam ein Muster. Noch ist jede Behauptung als Hypothese zu lesen, solange wir die Fakten nicht im Alleingang verifiziert haben. Die Richtung aber ist eindeutig.
Da ist zunächst der Chef eines großen Energieinvestors, der EIG-CEO. In einem Interview mit Microgrid Media wurde er ungewöhnlich klar: Die erneuerbaren Energien in den USA seien heute weitgehend uninvestierbar, weil das politische Rahmenwerk sie stranguliere. Und dann, fast beiläufig, zeigte sein Kompass auf Großbritannien. Die Nordsee, sagte er, sei ebenfalls weitgehend uninvestierbar – wegen politischer Entscheidungen der britischen Regierung. Ob Stromkabel, ob Pipeline, ob Speicher: Die Politik habe den Stecker gezogen, noch bevor der Investor den Scheck unterschreiben konnte.
Dann wäre da Harbour Energy. Das Unternehmen hat angekündigt, sich aus der Nordsee zurückzuziehen – Auslöser sind neue Steuererhöhungen. Der Vorsitzende von Serica Energy, David Latin, brachte es gegenüber Reuters auf eine Formel: „Die britische Nordsee ist derzeit uninvestierbar. Ohne ein vernünftiges Steuersystem, das Investitionen fördert und Stabilität bietet, wird sie uninvestierbar bleiben." Das ist kein Pub-Sprech. Das ist die Stimme eines Mannes, der das Öl aus dem Wasser holt – oder eben nicht mehr.
Weitere Echos auf der Leitung: Investoren mit Interessen in mehreren Märkten nennen Großbritannien „uninvestable" – wegen wirtschaftlicher Misswirtschaft und langer Vorlaufzeiten für Schlüsselprojekte. Ineos Energy hat britische Investitionen gestoppt und verweist auf Instabilität. Jede Stimme mag wenig wiegen. In der Summe ergeben sie ein Konzert, das keiner hören will.
Aber – und hier zücke ich den Lötkolben – die Frage ist nicht nur, ob Großbritannien einen schlechten Ruf bekommt. Ruf ist ein Symptom. Das eigentliche Problem sitzt eine Ebene tiefer: in der Finanzierung der Übergangstechnologien.
Was passiert, wenn ein Land den Stecker zieht, bevor die Brücke gebaut ist? Nehmen wir die Übergangstechnologien: CCS – CO2-Abscheidung und Speicherung, Wasserstoff, schwimmende Windkraft, Großspeicher. All diese Dinge brauchen zweierlei – viel Geld und viel Zeit. Die Vorlaufzeit für ein Nordsee-Projekt liegt zwischen fünf und zehn Jahren. In dieser Spanne ändern sich Regierungen, Steuersätze, Ministerköpfe.
Wenn ein Investor in dieser Phase politisch aus dem Spiel genommen wird, ist sein Geld nicht weg – es ist anderswo. Es wandert dorthin, wo die Politik verlässlicher ist. Der EIG-CEO deutet das an, wenn er den Finger hebt: „policy decisions." Saubere Umschreibung für: „wir wissen nicht, was morgen gilt." Für einen Fonds, der Stabilität schuldet, ist diese Unsicherheit der Tod.
Die Konsequenzen, die „Kabel" mir skizziert, sind konkret. Erstens: Die Kosten für den Verbraucher steigen, weil heimische Energieproduktion wegbricht und Importe teurer werden. Zweitens: Die industrielle Basis – Werften, Kabelhersteller, Spezialschiffe – wandert ab. Sie ist nicht standorttreu. Drittens: Die politischen Ziele selbst, die Dekarbonisierung, geraten in Verzug. Wer den Übergang abwürgt, landet nicht im Himmel der Erneuerbaren, sondern im Fegefeuer der Gasimporte.
Das ist die Rechnung, die nach dem Stecker kommt. Und sie ist – das muss man deutlich sagen – erst in Ansätzen sichtbar. Wir sprechen von Hypothesen, die wir in den kommenden Wochen verifizieren müssen. Welche Projekte stehen zur Disposition? Welche Summen sind abgezogen? Welche Arbeitsplätze sind betroffen? Das sind die Frequenzen, die ich abhören werde.
Was ich heute sagen kann: „Uninvestable" ist keine Beleidigung, die die Finanzpresse der britischen Regierung nachruft. Es ist eine Marktmeinung, gefällt von jenen, die das Geld haben. Und Marktmeinungen haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie sich in Bilanzen niederschlagen. In echten Zahlen, auf echten Konten, in echten Fabrikhallen, die dann leer stehen.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Drähte summen weiter. Ich übersetze.
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