Die 147 Fälschungen — Sexualisierte Deepfakes gegen Europas Abgeordnete
Neun Tage summen die Drähte, und ich höre zu. Was die Öffentlichkeit erreicht, ist die Zahl: 147. Was die Öffentlichkeit nicht erreicht, ist das Muster. Das Muster ist die Geschichte.
Eine Studie des Thinktanks Agora Digitale Transformation hat mindestens 147 Abgeordnete nationaler und europäischer Parlamente auf Webseiten identifiziert, die sexualisierte KI-generierte Bilder verbreiten. 138 von ihnen sind Frauen. Die österreichische EU-Abgeordnete Lena Schilling, selbst Betroffene, hat den Befund öffentlich gemacht. Ihre Kollegin Terry Reintke steht an ihrer Seite. Die Grünen im Europaparlament fordern eine konsequente Durchsetzung bestehender Verbote.
Ich übersetze seit fünfzehn Jahren elektrische Signale in Worte. Ich begann am Telegrafendraht, wechselte zu Funk, dann zu Radar. Jede neue Technologie versprach Klarheit. Jede neue Technologie wurde von irgendjemandem zur Waffe umgeschmiedet. Deepfakes bilden da keine Ausnahme — sie sind schlicht die nächste Frequenz, das nächste Band, auf dem jemand gewählt hat, Missbrauch zu senden.
Die technischen Fakten sind diese: Ein Deepfake ist ein synthetisches Bild oder Video, erzeugt von einem Modell, das auf vorhandenem Bildmaterial trainiert wurde. Das Modell lernt ein Gesicht, setzt es auf einen Körper, den es nie gesehen hat. Das Ergebnis ist fotorealistisch. Das Ergebnis ist, in nahezu jedem in dieser Studie erfassten Fall, eine digitale Körperverletzung.
147 gewählte Volksvertreterinnen und Volksvertreter, identifiziert an ihren Gesichtern, platziert auf Körpern, denen sie nie zugestimmt haben, verbreitet über Webseiten, die in den juristischen Grauzonen zwischen Zuständigkeiten operieren. Die 138 Frauen unter ihnen bilden eine Liste, die Parteien, Grenzen und Sprachen überschreitet. Grün, konservativ, sozialdemokratisch, liberal — der Algorithmus kennt keine Unterschiede. Die Betreiber der Seiten offenbar auch nicht.
Das Muster ist nicht Pornografie. Es ist das Muster einer koordinierten digitalen Belagerung. Eine Frau, die ohne ihre Zustimmung sexualisiert und offen im Netz verbreitet wird, kehrt nicht unverändert ins öffentliche Leben zurück. Manche ziehen sich zurück. Manche passen ihr Verhalten an, meiden bestimmte Auftritte, meiden bestimmte Aussagen. Manche, die weniger Betroffenen, halten die Stellung und sprechen weiter.
Schilling hält die Stellung. Reintke hält die Stellung. Beide haben ausgesprochen, was andere nur denken: Das hier ist digitale Gewalt, gerichtet gegen genau jene Frauen, die sich öffentlich äußern, die Gesetze machen, die sichtbar sind.
Ich habe meinen Beruf auf der Empfangsseite verbracht. Ich weiß, wie eine koordinierte Sendung aussieht. Ich weiß, wie es aussieht, wenn mehrere Stationen zur selben Stunde auf derselben Frequenz funken. Genau das geschieht hier. 147-mal.
Frauen in diesem Metier — das war lange keine Selbstverständlichkeit. Die Frequenzen haben nie danach gefragt, wer zuhört. Sie tun es heute noch nicht.
Das Geschäft hat, wie jedes Geschäft, eine Logik. Wer betreibt die Seiten, wer hostet, wer kassiert die Abonnements, wer bezahlt — das sind die nächsten Fragen, und es sind die Fragen, die ich in Druck noch nicht abschließend beantworten kann. Die Drähte tragen Gerüchte. Sie tragen auch Beweise, und ich verwechsle das eine nicht mit dem anderen.
Was sich sagen lässt: Die Liste ist stabil. 147 Namen, 147 Gesichter, 147 Verstöße. Sie wandert nicht. Die Infrastruktur um sie herum wandert — Hoster wechseln, Domains wandern, Zahlungswege ändern sich. Was bleibt, ist die Sammlung, ist die Liste, die auf europäische Parlamente zielt.
Eine Studie wird keinen Deepfake zum Schweigen bringen. Eine Studie benennt jedoch das Ausmaß. Das Ausmaß ist 147. Das Ausmaß ist 138 Frauen. Das Ausmaß ist ein europäisches Parlament, das sich gegen einen koordinierten digitalen Angriff zur Wehr setzen muss, ohne dass die Werkzeuge zu seiner Abwehr bislang klar benannt wären.
Die Drähte werden weiter summen. Ich werde weiter zuhören.
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