Börse
Terminal Tribune

6. Oktober 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

JEMEN ZÄHLT TOTE, RIADH ZÄHLT KRIEGER — 150 IN ZWEI TAGEN

6. Oktober 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. Ich übersetze. Was aus dem Jemen kommt, sind Zahlen — und das Schweigen zwischen ihnen.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Mindestens 150 Menschen sind binnen zwei Tagen im Jemen getötet worden. So steht es in den Depeschen, die am Dienstag durch die Äther gehen. Eine erste Zahl, gemeldet von AFP, verweist auf 118 Tote in den Gouvernements Taiz, Al-Jawf, Marib und Saada. Die Quelle: jemenitische Militärs im Umfeld der Ansarallah. Daneben kursiert eine zweite Zahl: 36 gefallene Kämpfer. Diese stammt von Gewährsleuten der international anerkannten, von Riad gestützten Regierung.

Zwei Zahlen. Keine Schnittmenge. Welche stimmt?

Beide Seiten, so heißt es, kämpfen weiter. Die saudi-geführte Koalition fliegt Angriffe. Die jemenitischen Streitkräfte antworten. Sirenen heulten am Dienstag in Saudi-Arabien — in Najran, Asir, Dschisan, Abha, Dschidda, Yanbu und Al-Ula. Der Sender Al-Masirah sprach von einer der schwersten Nächte für das Königreich. Eine Dauerbereitschaft, die zur Normalität wird.

Die jemenitischen Streitkräfte beziffern die Luftschläge der vergangenen Wochen auf über 900. Allein seit Beginn der jüngsten Eskalation, so eine Erklärung der YAF am Montag, seien 157 Luftschläge und Raketenangriffe auf die Gouvernements Al-Jawf, Taiz, Saada und Marib geflogen worden — mit F-15- und Typhoon-Kampfjets von den Basen Khamis Mushait und Taif, dazu Raketen aus Najran und Dschisan. Die Gesamtzahl seit Eskalationsbeginn liege nun bei 917. Eine eigene Zählung. Eine eigene Wahrheit.

In der Hafenstadt Mokha, Gouvernement Taiz, schlug in den Morgenstunden eine Bombe in ein Wohnhaus. Sechs Menschen starben, darunter zwei Säuglinge und eine Frau. Acht weitere wurden verletzt. In Hayfan, ebenfalls Taiz, traf eine Rakete einen belebten Markt. Wie viele dort starben, ist in keiner der beiden Aufstellungen verzeichnet.

Das ist das Muster dieser Kampagne. Wohnhaus, Markt — keine Waffenfabrik, kein Kommandoposten, sichtbar zumindest. Die Koalition spricht von präziser Kriegführung. Sie selbst nennt ihre Strategie indiskriminiert — ein Wort, das im Militärjargon Distanz schafft. Es meint: ohne Unterschied zwischen Ziel und Zufall. Es meint auch: ohne Rechenschaft.

Welche Opferzahlen tatsächlich vorliegen, weiß niemand mit Sicherheit. Die 150 sind eine Untergrenze, keine Bilanz. Die 118 sind eine Gouvernements-Aufstellung, lokal, vorläufig. Die 36 sind Kämpfer, keine Zivilisten, und sie kommen aus dem feindlichen Lager. Dazwischen klafft die Dunkelziffer — Verwundete, die nie ein Krankenhaus erreichen, Vertriebene, die nicht gezählt werden, Tote unter Trümmern, deren Namen in keiner Depesche stehen.

Wer kontrolliert die Berichterstattung? Die eine Seite gibt ihre Zahlen über AFP, westliche Agenturen, internationale Verteiler. Die andere publiziert über Al-Masirah, einen Sender, der aus dem jemenitischen Umfeld kommt. Beide Quellen sind parteiisch. Beide Zahlen gelten — in ihrem eigenen Rahmen. Keine prüft die andere. Keine zählt die Säuglinge.

Die Indiskrimination ist keine Anklage, die ich erhebe. Sie ist die Bezeichnung, die in den Meldungen selbst auftaucht. Ein Haus in Mokha. Ein Markt in Hayfan. Das sind keine taktischen Ziele — es sei denn, man definiert den gesamten Gouvernementsraum als Schlachtfeld.

Riad hat den Krieg 2015 begonnen. Eine Koalition arabischer Staaten folgte. Der Flughafen Sanaa steht seit über einem Jahrzehnt unter Blockade. Die jüngste Vergeltungswelle wurde nach Angaben der jemenitischen Seite durch einen saudischen Angriff auf den Flughafen im Juli ausgelöst. Die Spirale dreht sich, jede Seite zählt ihre Toten, keine zählt die anderen.

Die Sirenen in Dschidda und Abha sind der Beweis, dass die Reichweite der Bomben zurückkommt. Die Depeschen aus Riad sprechen von Abschreckung. Die Depeschen aus Sanaa sprechen von Vergeltung. Die Wahrheit liegt dazwischen, und sie ist nicht in Zahlen zu fassen.

Die vollständigen Umstände bleiben undurchsichtig. Die Zahlen bleiben eine Fassade. Die Toten bleiben ohne Namen, während die Frequenzen weiter summen.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 5 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZAHL At least 150 killed in Yemen within two days

    im Titel der Quelle gefunden

    vorgeschlagene Belegstelle verworfen, weil so nicht im Quelltext: „At least 150 people have been killed in Yemen since Sunday“

  2. ZITAT Saudi air campaign targeted residential areas/is indiscriminate

    „as Saudi warplanes launch indiscriminate strikes across the country“ — wörtlich im Quelltext belegt

  3. ZITAT Clashes continue between Ansarullah-led forces and Riyadh-backed proxies

    „and clashes continue between Ansarallah-led forces and Riyadh-backed proxies.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  4. ZAHL Death toll stands at 118 in Taiz, Al-Jawf, Marib and Saada

    „"The death toll from Saudi airstrikes, clashes, and artillery fire in the governorates of Taiz, Al-Jawf, Marib and Saada stands at 118," AFP reported on 22 September, citing what it said were Ansarallah-linked military sources.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  5. ZAHL 36 Riyadh-backed fighters have been killed

    „Sources close to the internationally recognized government, supported by Riyadh, say 36 of their fighters have been killed, according to AFP.“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

5 Quellen · 5 davon belegt · 4 externe Belege · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort