Tarnkostüm und Dienstwaffe: Zwei Tote, eine Notwehr
Sydney, September 2026. Die Drähte summen wieder, und diesmal tragen sie die Frequenz eines Mannes, der nicht mehr weiß, welche Uniform er gerade trägt.
Beau Lamarre-Condon, 31, ehemaliger Polizeibeamter des Bundesstaates New South Wales, sitzt auf der Anklagebank des Supreme Court in Sydney. Vor sich zwei Anklagen wegen Mordes, eine wegen schweren Einbruchs. Vor sich die Blicke der Geschworenen. Im Rücken nichts, was ihm hilft. Er trägt einen hellgrauen Anzug, dunkle Krawatte, weißes Hemd. Die Staatsanwaltschaft malt das Bild eines Mannes, der sich in eine Uniform kleidete, die ihm nicht mehr gehörte, und in ein Kostüm, das ihm nie gehörte.
Am 19. Februar 2024 soll Lamarre-Condon seinen Ex-Partner Jesse Baird, 26, und dessen neuen Freund Luke Davies, 29, mit seiner Dienstwaffe in Bairds Haus im Sydneyer Vorort Paddington erschossen haben. Baird war Fernsehmoderator. Davies Flugbegleiter bei Qantas. Beide sind tot. Beide wurden in Surfboard-Bags verpackt und zweihundert Kilometer außerhalb der Stadt abgelegt, auf dem Land, wo niemand fragt.
Die Verteidigung sagt: Notwehr. Lamarre-Condon habe sich gegen einen Angriff gewehrt, die Waffe habe sich gelöst, das Blut auf dem Küchenboden sei das Ende einer Auseinandersetzung, nicht der Anfang eines Plans.
Die Krone sagt: kein Zufall. Drei Tage vor den Schüssen soll Lamarre-Condon einen Surfboard-Bag begutachtet haben, die Maße abgeschätzt, die Form geprüft. Am Morgen der Tat stellte er den Wecker auf 04:30 Uhr. Schrieb einem Freund eine Nachricht: Ich versuche, dich heute Abend anzurufen und auf den neuesten Stand zu bringen, es gibt kein Zeichen, dass ich es tue. Schaltete auf ein Wegwerfhandy. Holte einen Mietwagen. Parkte drei Stunden vor Bairds Haus. Zog die Kleidung eines Uber-Eats-Fahrers an. Setzte einen Motorradhelm auf. Wartete.
Ein Mann, der drei Stunden vor dem Haus seines Ex-Partners wartet, plant keine Selbstverteidigung. Ein Mann, der ein Surfbrett-Futteral Tage vor der Tat ausmisst, will einen Körper transportieren. Ein Mann, der sich als Lieferbote verkleidet, will nicht erkannt werden. Das sind die Frequenzen, die ich höre.
Die Geschichte davor ist länger und leiser. Baird und Lamarre-Condon lernten sich Ende 2022 kennen. Eine kurze, romantische Beziehung. Lamarre-Condon wollte Dauer, Baird Distanz. Im April 2023 schrieb Baird ihm das Wort übermäßige und eifersüchtige Besessenheit. Die Beziehung endete, begann wieder, endete im November 2023. Dazwischen, so die Anklage, ein Verhalten, das Methode war: Er nutzte Bairds Handy, um Nachrichten von romantischen Rivalen zu löschen. Er verschaffte sich als Polizist Zugang zu Überwachungskameras einer Bar in Paddington, ohne dienstlichen Grund. Er brach mehrfach in Bairds Haus ein. Am 17. August 2023 stahl er Bairds Telefon und Geldbörse. Baird wachte auf, sah den Eindringling neben seinem Bett stehen, jagte ihn die Straße hinunter.
Dann die Manipulation. Lamarre-Condon soll einen Freund dazu gebracht haben, eine Krebsdiagnose vorzutäuschen, um Baird zurückzulocken. Schuldgefühle als Waffe. Bairds Schwester Kourtnee sagte vor Gericht, ihr Bruder habe sich gefürchtet. Er habe Zugang zu einer Waffe, einer Pistole, sagte Jesse. Er sei sehr erratisch, sehr schockiert gewesen, wenn er von den Dingen erzählte, die Lamarre-Condon tat.
Die Verteidigung malt ein anderes Bild. Anwalt John Stratton SC sagt, Lamarre-Condon habe an jenem Morgen seine Sachen aus Bairds Haus holen wollen. Er habe einen Schlüssel gehabt, den Baird ihm gegeben habe. Die Waffe habe er getragen, weil seine Ausbildung es so verlange. Die Verkleidung als Uber-Eats-Fahrer, der Motorradhelm — Tarnung, um nicht erkannt zu werden, nicht bei der Vorbereitung eines Mordes. Im Haus sei es zum Kampf gekommen, die Schüsse Notwehr. Danach sei sein Mandant verständlicherweise in Panik geraten und habe begonnen, den Tatort zu reinigen.
Zwei Versionen. Zwei Geschichten. Ein Toter mehr, als die Verteidigung zugeben will. Luke Davies wurde im Schlafzimmer erschossen, als er versuchte, den Notruf zu wählen. Die Anklage sagt, Davies wurde getötet, um einen Zeugen zu beseitigen. Die Verteidigung sagt, ein tragisches Chaos aus dem Kampf.
Wer ist Beau Lamarre-Condon? Ein Mann in zwei Kostümen. Das eine trägt die Aufschrift Polizei und den Zugang zu Waffen, Daten, Kameras, Vertrauen. Das andere trägt die Aufschrift Uber Eats und die Anonymität der Lieferkette, der ständigen Bewegung, des nie auffallenden Fremden. Beide Kostüme schützen ihn. Das eine lieh ihm ein Staat, der ihm glaubte. Das andere eine Firma, die ihm gleichgültig ist.
Die Staatsanwaltschaft bot Lamarre-Condon offenbar ein Totschlagsgeständnis an, beschränkt auf Baird. Es wurde nicht angenommen, von welcher Seite auch immer. Das Detail bleibt im Rauschen. Die Surfboard-Bags werden noch einmal geöffnet. Die Überwachungskameras werden noch einmal laufen. Die Nachrichten, die Lamarre-Condon nach den Schüssen vom Handy des Toten schrieb, werden noch einmal gelesen. Die Schwester wird noch einmal sagen, wie verängstigt ihr Bruder war. Der Freund, der die Krebsdiagnose vortäuschte, wird noch einmal aussagen. Der Prozess wird drei Monate dauern.
Was bleibt, ist keine Antwort, sondern eine Frage, die durch alle Beweise pulst. Wie wird ein Mann zum Jäger, der zugleich behauptet, das Opfer zu sein. Wie wird eine Dienstwaffe zur privaten Waffe einer verletzten Eitelkeit. Wie wird ein Schlüssel, den ein Liebhaber einst vertrauensvoll weitergab, zur Eintrittskarte in ein Blutbad.
Ich höre die Drähte. Sie summen weiter. Die Frequenz ist noch offen.
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