Fünfmal Gold, einmal Fragezeichen: Die Maschine Ronaldo
Portugals neuer Nationaltrainer Jorge Jesus hat am Freitag seinen ersten 25-Mann-Kader für die Nations League benannt — und der prominenteste Name auf der Liste ist jener, der seit zwei Jahrzehnten die Drähte der Fußball-Ökonomie zum Glühen bringt: Cristiano Ronaldo, 41, fünffacher Ballon-d'Or-Gewinner, Kapitän von Al-Nassr, wandelnde Werbefläche.
Jesus sprach auf der Pressekonferenz die Sätze, die jeder Trainer sprechen muss, der einen alten Apparat übernimmt: „Cris ist ein Spieler wie jeder andere. Wenn er performt, spielt er; wenn nicht, spielt er nicht." Eine Formulierung wie aus dem Handbuch der Personalabteilung. Die Distanzierung vom Star, die rhetorische Gleichbehandlung, die in der Praxis wenig bedeutet, solange der Star liefert.
Und er liefert. Noch immer. Al-Nassr in Saudi-Arabien, ein Klub, der selbst eine Stellung in der internationalen Sportarchitektur einnimmt. Ronaldo ist dort nicht nur Angestellter, sondern Visitenkarte. Seine Anwesenheit generiert Verträge, Sponsoring-Deals, TV-Rechte. Sein Name funktioniert als eigene Währungseinheit.
Nun also Jesus. Der 72-Jährige, selbst ehemaliger Al-Nassr-Coach, kennt den Mechanismus. Er wurde im Juli ernannt, wenige Tage nachdem Roberto Martinez nach dem Ausscheiden bei der WM 2026 — Achtelfinal-Niederlage gegen Spanien — seinen Posten geräumt hatte. Jesus übernimmt einen Titelverteidiger und ein Kadergefüge, in dem Ronaldos Status jenseits sportlicher Kategorien liegt.
Hier liegt die offene Frage, die in den meisten Meldungen untergeht: Ist Ronaldo noch Spieler, oder längst etwas anderes — ein Vermarktungsinstrument, dessen bloße Anwesenheit die Narrative stützt, unabhängig von der Leistung auf dem Platz? Jesus gibt sich auf der Pressekonferenz skeptisch: „Die Vergangenheit zählt nicht." Eine kluge Position, schwer durchzuhalten, wenn der Kapitän fünfmal den Goldenen Ball gewann und der Verband weiß, was dieser Name auf dem Trikot bedeutet.
Die Quellenlage ist dabei aufschlussreich. Während die eine Berichterstattung Jesus als neuen Trainer führt, kursierten im Sommer auch Meldungen, José Mourinho habe den Posten übernommen. Welche Version zählt, ist nicht nur Chronologie, sondern Deutungshoheit. Beide Namen stehen für ein System, in dem Trainer wie Spieler nach Marktwichtigkeit gehandelt werden.
Ronaldo selbst hatte im August Spekulationen über seinen Rücktritt angeheizt, als er das kommende Jahr als wahrscheinlich letztes seiner aktiven Karriere bezeichnete. Die Berufung ist daher auch ein Signal in eigener Sache: Er ist noch da, Teil des Apparats, lieferfähig. Widersprüchlich bleibt: Berichte über verpasste Trainingseinheiten begleiten auch diese Nominierung. Die Maschine läuft, aber sie zeigt Verschleiß.
Sportlich steht für Portugal am 24. September das Heimspiel gegen Wales an, danach Auswärtspartien in Norwegen (27. September) und Dänemark (1. Oktober), bevor am 4. Oktober Norwegen erneut in Portugal gastiert. Vier Spiele, in denen Jesus seinen ersten Eindruck als Nationaltrainer abliefern muss. Ronaldo wird dabei sein — als Spieler, als Symbol, als Asset. Die Trennung dieser drei Rollen gelingt niemandem mehr. Auch Jesus nicht.
Was bleibt, ist eine Apparatur, die sich selbst reproduziert: Der Star liefert die Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit liefert die Verträge. Die Verträge liefern die Mittel, die den Star halten. Wer hier profitiert, ist auf den ersten Blick erkennbar. Wer den Preis zahlt, ist eine andere Frage, die in Pressekonferenzen nicht gestellt wird.
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