Drähte unter einer Hand: BT kauft TalkTalk für 400 Millionen
Die Drähte summen. Diesmal nicht vor Morsecode, sondern vor blanker Nervosität. BT, das größte Telekommunikationsunternehmen Großbritanniens, hat zugestimmt, den angeschlagenen Breitbandanbieter TalkTalk für 400 Millionen Pfund aus der Verwaltung zu kaufen. Beide Seiten — TalkTALKS Endkundengeschäft und der Großhandelsarm PlatformX Communications — werden schuldenfrei übergeben. 400 Millionen, die in den Bilanzen des Konzerns kaum mehr als ein Hüsteln sind. Und die dennoch das Rückgrat der britischen Telekommunikation neu zeichnen.
Denn TalkTalk ist nicht irgendein Anbieter. Hier widersprechen sich die Quellen: Der Guardian spricht von 1,5 Millionen britischen Privatkunden, der Daily Mail gar von 2,5 Millionen. Eine Differenz, die zeigt, wie dünn die Faktenlage ist, bevor die Wettbewerbsbehörde CMA überhaupt den ersten Aktenordner geöffnet hat. Gewiss ist: 250.000 dieser Kunden gelten als besonders schutzbedürftig. Sie tragen kleine Geräte um den Hals, sogenannte Telecare-Anhänger, die im Notfall einen Alarm auslösen — verdrahtet mit dem alten Kupfernetz. 2023 starben zwei Menschen, weil solche Geräte während der Umstellung auf Digitalleitungen versagten. Keine Fußnote. Eine Blutspur.
Lisa Nandy, Staatssekretärin für Digitales, griff am Montag ein. Sie erließ eine Public Interest Intervention Notice, um das Prüfverfahren zu beschleunigen. Die Begründung: Risiken für die öffentliche Gesundheit, für kritische nationale Infrastruktur, für die Versorgung verletzlicher Kunden. Klingt nach Routine. Ist es nicht. Die zugrundeliegenden Gesetze stammen aus der Pandemie und erlauben der Regierung, in Fusionen einzugreifen, wenn die Versorgung mit Telekommunikation gefährdet ist. Nandy nutzt sie, um eine private Transaktion unter staatliche Aufsicht zu zwingen.
TalkTALKS Großhandelssparte PXC versorgt rund eine Million Geschäftskunden — darunter Anbieter im Gesundheitswesen, bei Rettungsdiensten, in Verteidigung, Bildung, Verkehr, Banken und Behörden. Das Verteidigungsministerium selbst zählt zu den Kunden, mit nationalen Sicherheitsnetzen, die teilweise auf Systemen von PXC laufen. Das MoD, heißt es aus Whitehall, habe Notfallpläne. Was diese Pläne wert sind, wenn ein Hauptknoten kollabiert, sagt niemand. Auch nicht, welche Folgen ein Ausfall für Rettungsleitungen, Kliniknetze oder Bankverbindungen hätte — und damit für Leib und Leben. 900 Arbeitsplätze werden durch den Deal gerettet, sagt BT. Eine Zahl, die gut klingt. Eine Zahl, die nicht erklärt, warum ausgerechnet jener Konzern kauft, der mit Openreach ohnehin schon das Netz besitzt, auf dem TalkTalk aufsitzt.
Am Devisenmarkt fiel der Euro am Montag auf den niedrigsten Stand seit 17 Monaten, belastet von Sorgen um die französische Schuldenlast. Eine Randnotiz, die zeigt, wie dünn das Vertrauen in die europäische Konjunktur ist, während in London ein einzelner Konzern still das Netz unter sich vereint.
BT spricht von einer "beispiellosen Situation". Man sei eingesprungen, um den Zusammenbruch TalkTALKS zu verhindern. Die schnellere regulatorische Prüfung erlaube es, öffentliche Interessen zu berücksichtigen — eine Formulierung so glatt wie frisches Lötzinn. Virgin Media O2, selbst als Käufer im Gespräch und Konkurrent über Openreach, schimpft. Das Ganze habe "alle Merkmale eines Kuhhandels, getarnt als Rettungsdeal im öffentlichen Interesse". Man verweist darauf, dass die CMA wenige Tage zuvor noch "erhebliche" Bedenken gegen einen anderen Milliardendeal geäußert habe — und nun offenbar bereit sei, BT die eigenen Panzer durch die Wettbewerbslandschaft rollen zu lassen.
Die CMA muss bis zum 19. Oktober ihre Wettbewerbsbedenken melden. Nandy behält sich vor, danach eigene Auflagen zu prüfen. Was bleibt, ist eine einfache Rechnung: Wer kontrolliert die Leitungen, wer kontrolliert den Verkehr darauf, wer kontrolliert am Ende das Netz in unseren Händen? 900 gerettete Stellen sind ein Argument. Sie wiegen nicht alles auf.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Frequenz, die ich höre, ist nicht die der Börse. Es ist die der Drähte selbst.
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