Börse
Terminal Tribune

7. Oktober 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

Libor-Urteile gekippt: Was bleibt, wenn die Richter die Schuld streichen?

7. Oktober 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

London, Draht aus dem Westen. Fünf ehemalige Händler der Barclays, verurteilt wegen Manipulation jener Zinssätze, an denen sich Kredite und Wertpapiere im Volumen von 350 Billionen Dollar orientierten, haben ihre Strafe verloren. Das Londoner Berufungsgericht hat die Urteile am Mittwoch aufgehoben, wie Bloomberg und andere Quellen übereinstimmend melden. Die Namen, die auf den Akten stehen: Alex Pabon, Jay Merchant, Jonathan Mathew, Carlo Palombo und — schon im Juli vergangenen Jahres — Tom Hayes. Ein Mann, der einst für UBS und Citigroup handelte und 2015 ins Gefängnis ging.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Ich sage hier nicht, dass diese Männer unschuldig sind. Ich sage, dass das System, das sie verurteilte, dasselbe ist, das sie vorher nicht kontrollieren konnte. Und das ist die eigentliche Nachricht.

Die Fakten, soweit sie auf dem Draht liegen: Die britische Serious Fraud Office, jene Behörde also, die Großbritanniens Antwort auf das FBI sein soll, hatte in einer der aufwendigsten Operationen ihrer Geschichte Anklage erhoben wegen der Manipulation von Referenzzinssätzen — Libor, Euribor, die Tonleitern des globalen Geldmarkts. Palombo wurde 2019 verurteilt, Hayes 2015. Man sprach von Zellen, von Chats, von koordinierten Eingaben in die Bildschirme. Das klang plausibel. Es klang wie ein Fall.

Nun klingt es nach einem Aktenschrank, in dem die obersten Fächer leer sind. Die Berufungsrichter hoben die Verurteilungen auf. Es ist nicht das erste Mal. Bereits im Sommer 2025 wurden Hayes und Palombo freigesprochen. Jetzt, im Oktober 2026, folgen fünf weitere. London räumt auf. Die Frage, die mir auf der Tastatur brennt: Wer räumt hier wirklich auf?

Ich bin Reporterin, keine Richterin. Also höre ich auf die Frequenzen, die andere überhören. Die Manipulation von Benchmark-Zinsen war nie ein Verbrechen einzelner Händler in ihren Londoner Bürotürmen. Sie war ein Strukturproblem elektronischer Märkte, deren Mechanik für Außenstehende unsichtbar bleibt. Die Zinssätze wurden aus Schätzungen gebildet, die Banken selbst lieferten. Ein System, das auf dem Ehrenwort von Instituten beruht, die 350 Billionen Dollar bewegen — das ist kein technisches Detail. Das ist eine Einladung.

Dass nun Richter die Schuldsprüche aufheben, bedeutet nicht, dass die Märkte sauber sind. Es bedeutet, dass die Beweisführung einer Strafverfolgungsbehörde den eigenen Maßstäben nicht standhielt. Es bedeutet auch: Die Aufseher, die Bank of England, die Financial Conduct Authority, haben in den Jahren vor den Prozessen offenbar nicht jene Datenströme gesichert, die heute nötig wären, um die Maschine der Manipulation zu dokumentieren. Die Drähte wurden nicht abgehört, als es noch ging.

Ich sage das vorsichtig, weil mir nur eine begrenzte Quellenlage vorliegt. Die genannten Bloomberg- und Euronews-Meldungen, die Agenturberichte — sie berichten übereinstimmend, aber sie berichten aus derselben Presselandschaft. Was an Zeugenaussagen, an internen Mails, an Chatprotokollen tatsächlich noch existiert, ist aus dieser Distanz nicht zu prüfen. Ich notiere das. Wer einwendet, die Verfahren seien politisch motiviert oder die Freisprüche ein Skandal, muss sich fragen lassen, ob er die Akten gelesen hat. Wer einwendet, die Händler seien eindeutig schuldig, muss sich fragen lassen, warum die Beweise vor dem Berufungsgericht nicht trugen.

Was bleibt, ist die Maschine selbst. Digitale Zinsfestlegung, algorithmischer Hochfrequenzhandel, automatische Vergleichsfunktionen für Marktdaten — all das existiert in einer Grauzone, in der Aufsicht und Geschwindigkeit nicht im selben Takt laufen. Die britische FCA hat nach 2012 Reformen angekündigt. Die tatsächliche Kontrolle elektronischer Handelssignale? Lückenhaft. Das ist kein Vorwurf, das ist eine Beobachtung aus offiziellen Berichten, die ich hier nur andeuten kann.

Fünf Namen wurden aus den Akten gestrichen. Die Volumina, die bewegt wurden, sind es nicht. Wer morgen einen Kredit aufnimmt, dessen Zinssatz sich noch immer an Benchmarks orientiert, zahlt in ein System ein, dessen Sicherheitsventile gerade erst erprobt werden. Ob sie halten, weiß im Moment niemand. Auch ich nicht.

Ich melde mich, wenn der nächste Draht warm wird.

❖ Ende des Artikels ❖

Herangezogene Quellen — 2 abrufbare Quellen

1 Quelle · 0 davon belegt · 4 externe Belege · 0 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort