Rekord aus einer Hand: Was die Wind-und-Solar-Rechnung verschweigt
Carbon Brief, eine einzelne Denkfabrik mit klar klimapolitischer Ausrichtung, liefert den Briten dieser Tage die frohe Botschaft. Wind und Sonne hätten dem Vereinigten Königreich seit Beginn der Hormuz-Krise Gasimporte im Wert von 5,9 Milliarden Pfund erspart. 41 Prozent Anteil an der britischen Stromerzeugung 2026, gegenüber 25 Prozent aus Gas. Ein Zahlenwerk, das die Energiekrise vergessen machen soll.
Die Fakten, soweit sie auf dem Tisch liegen: Die Wind- und Solarerzeugung stieg im Jahresvergleich um 14 Prozent, Gaskraftwerke drosselten ihre Leistung um knapp zehn Prozent. Im September 2026 erreichte die kombinierte Wind- und Solarproduktion beinahe zehn Terawattstunden – ein monatlicher Höchststand. Die vermiedenen Gasimporte entsprechen laut Analyse mehr als hundert zusätzlichen LNG-Tankerlieferungen, die Einsparung allein im September 1,3 Milliarden Pfund.
Der Gaspreis stieg. Zwischen 2023 und Anfang 2026 lag er im britischen Großhandel bei durchschnittlich 90 Pence pro Therm – rund dreimal über dem Niveau vor Covid und Ukrainekrieg. Seit dem 28. Februar 2026, als die Vereinigten Staaten und Israel einen Luftkrieg gegen Iran begannen und die Islamische Republik den Schiffsverkehr durch die Meerenge blockierte – ein Nadelstreifen, durch den ein Drittel des seeverfrachteten Öls der Welt fließt –, kletterte der britische Gaspreis auf 134 Pence pro Therm. Im September 2026 erreichte er 189 Pence – das höchste Niveau seit der globalen Energiekrise 2022. Ab dem 1. Oktober zahlt ein typischer britischer Haushalt 33 Prozent mehr für Gas als noch im April, etwa 200 Pfund pro Jahr zusätzlich. Der Strompreis steigt im selben Zeitraum nur um vier Prozent. Andrew Sissons, Direktor für nachhaltige Zukunft bei Nesta, erklärt, der Zusammenhang zwischen Strom- und Gaspreis breche bereits.
Eine Quelle. Carbon Brief ist keine neutrale Messstation, sondern eine Plattform, die ihre Zahlen aus den Prognosen der Internationalen Energieagentur bezieht. Dieselbe IEA, die im Januar 2026 noch eine steigende globale Gasnachfrage prognostizierte und bis Juli auf einen Rückgang um 0,6 Prozent korrigieren musste. Beim Öl korrigierte die Agentur ihre Januar-Prognose von plus 930.000 Barrel pro Tag auf minus 2,5 Millionen – eine Differenz von über drei Millionen Fass täglich. Jeder Statistiker liest das als Eingeständnis fehlerhafter Annahmen.
Was die Analyse verschweigt: Das britische Netz ist kein Tortendiagramm. Es ist ein Echtzeitsystem, das zwischen Erzeugung und Last balanciert werden muss – Frequenz, Spannung, Momentreserve. Wind und Sonne liefern wetterabhängig, nicht bedarfsabhängig. An windstillen Winterabenden, wenn die Heizlast am größten ist, sinkt ihre Einspeisung gegen null. Dann springen Gaskraftwerke ein – und, stillschweigend, die Interkonnektoren nach Frankreich, Norwegen und Belgien. Diese Importströme bleiben in der Rechnung unerwähnt. Ebenso unerwähnt bleiben schottische Wasserkraft, Kernkraft, die Pumpspeicher in den Hochlandtälern und der Umstand, dass ein erheblicher Teil der britischen Erzeugung aus Quellen stammt, die in der Carbon-Brief-Aufstellung schlicht fehlen.
Auch die Kapazitätsfrage fehlt. 41 Prozent Anteil sagt nichts über die Auslastung der Anlagen. Die Kapazitätsfaktoren von Onshore-Wind liegen zwischen 25 und 35 Prozent, von Offshore zwischen 40 und 50 Prozent, von Photovoltaik zwischen zehn und 15 Prozent. Gaskraftwerke erreichen 50 bis 85 Prozent. Die vermeintliche Ersetzung ist eine statistische, keine physische.
Schließlich die globale Rechnung, die Carbon Brief selbst aufmacht: Die weltweiten CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen sinken 2026 nur um rund 0,5 Prozent. Die Kohlenachfrage steigt um 1,2 Prozent – als direkte Folge hoher Gaspreise, angetrieben von El Niño und „verschwendeter" Wind- und Solarenergie in China. Das ist kein Triumph der Erneuerbaren. Es ist eine globale Verschiebung, die der Krieg an der Hormuz-Straße erzwungen hat – nicht die britische Energiepolitik.
Die Botschaft trägt. 5,9 Milliarden Pfund, 41 Prozent, 14 Prozent Steigerung, 33 Prozent weniger auf dem Haushaltskonto für Gas. Wer kontrolliert die Megawatt, wenn der Wind fehlt? Wer profitiert von dieser Erzählung – und wer bezahlt den Preis für die stillen Reserven, die das Netz am Laufen halten? Eine Frage, eine Quelle, eine Rechnung mit einem fehlenden Posten: dem Netz.
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