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Terminal Tribune

9. Oktober 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

DRAHT ZUM BÜRO: Bestechungsvorwürfe um Susan Collins

9. Oktober 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Eine einzige Quelle. Mehr habe ich nicht. Das sage ich gleich, weil ich mir selbst nicht trauen darf, wenn ich nur eine Frequenz höre.

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Susan Collins. Der Name steht in einem Umschlag, der diese Woche auf meinem Schreibtisch landete — kein Absender, kein Poststempel, keine Erklärung. Drei Seiten Schreibmaschine, eine Datumsangabe aus dem Frühjahr, und ein Vorwurf: Bestechung. Kein Detail, wann, wo, in welcher Höhe. Kein zweiter Name. Nur Collins, und das Wort.

Die Quelle ist eine Frau. Sie hat mich angerufen, nicht ich sie. Sie hat eine Stimme, die gewohnt ist, gehört zu werden, und sie hat gleichzeitig Angst. Das ist eine bestimmte Mischung, die man auf den Drähten erkennt, wenn man lang genug mithört. Sie sagt, sie habe Beweise. Sie sagt, sie habe sie nicht bei sich. Sie sagt, sie werde sie nachreichen. Ich habe ihr gesagt, dass eine Zeitung keine Behauptung druckt.

Trotzdem sitze ich hier. Ich sitze hier, weil der Name Susan Collins nicht aus dem Nichts kommt. Wer auch immer sie ist — die Quellenfrau benutzt den vollen Namen, als wäre er geläufig. Das ist ein Hinweis. Kein Beweis, ein Hinweis. Im Funkjargon: ein Träger, der noch kein Signal trägt.

Wer ist Susan Collins also? Hier beginnt das Loch. Ich habe Anrufe getätigt — Handelskammer, Stadtverwaltung, zwei Zeitungsredaktionen in benachbarten Bezirken. Keine Susan Collins, die in den letzten Monaten in den Schlagzeilen stand. Keine Susan Collins, die in öffentlichen Registern mit einer Bestechungsaffäre verknüpft wäre. Das bedeutet nichts und alles. Frauen in den Dreißigern stehen nicht in den Schlagzeilen — es sei denn, sie wollen es, und die meisten wollten es nicht. Frauen tauchen in Handelsregistern unter dem Namen ihrer Männer auf, ihrer Väter, ihrer Geschäftspartner. Wer nach Susan Collins sucht, sucht möglicherweise nach der falschen Spur.

Mein zweiter Gedanke: was heißt hier „aufgedeckt"? Das Wort steht so im Umschlag, als hätte jemand einen Aktendeckel gehoben. Aber wer hebt ihn? Wer hat ihn vorher zugedeckt? In unserer Branche — und ich sage das mit zwanzig Jahren auf den Drähten — bedeutet „aufgedeckt" meistens, dass jemand eine Information weitergegeben hat, die er nicht weitergeben durfte. Das ist keine Magie, das ist ein Mensch. Eine Telefonistin, die mitgehört hat. Eine Sekretärin, die einen Brief kopiert hat. Ein Funktionär, der sich rächen will. Die Liste ist lang und nicht immer sauber.

Was ich also habe: einen Umschlag mit drei Seiten, eine Stimme am Telefon, und einen Nachnamen, der in keinem Register auftaucht. Das ist zu wenig zum Drucken und zu viel zum Liegenlassen.

Die Kollegen in der Setzerei werden mich fragen, warum ich überhaupt schreibe. Ich schreibe, weil Stille auch eine Aussage ist. Wenn morgen eine Susan Collins in den Zeitungen steht, soll irgendwo bereits der Anfang eines Fadens liegen, an dem man ziehen kann. Wenn nicht, dann ist dieser Artikel ein Schritt ins Leere, und das werde ich dann auch drucken.

Was ich nicht weiß: Wer bezahlt wen, wofür, mit welchem Geld, in welcher Höhe. Wer profitiert, wer verliert. Welche Dokumente unterschrieben, welche Bänder besprochen, welche Telexe gesendet wurden. Ob ein Richter, ein Auftraggeber, ein Mittelsmann im Spiel ist. Ob die Quellenfrau selbst Teil des Spiels ist, oder ob sie nur eine Tür, durch die der Wind weht.

Was ich wissen muss, bevor der erste Satz dieser Geschichte gesetzt wird: Existiert Susan Collins? Wer ist sie, wo arbeitet sie, wem gehört sie — im juristischen, nicht im emotionalen Sinn? Wer hat den Umschlag abgeschickt, von wo, mit welcher Briefmarke? Welche technische Infrastruktur hat die Information transportiert: ein Bote zu Fuß, ein Telex, ein Ferngespräch über vier Vermittlungsstellen? Wenn eine Frau in dieser Stadt eine Bestechung beobachtet, über welche Leitungen spricht sie dann zuerst?

Ich werde die Quelle treffen. Ich werde sie an einen Ort bitten, an dem sie nicht erkannt wird, und ich werde ihr Fragen stellen, die sie wahrscheinlich nicht beantworten kann. Ich werde die Aussagen gegen die Möglichkeiten abklopfen. Ich werde bei der Handelskammer ein zweites Mal anrufen, und ein drittes Mal. Ich werde beim Einwohnermeldeamt nachfragen, bei der Polizei, beim Amtsgericht.

Und ich werde diesen Artikel erst drucken lassen, wenn aus einem Gerücht entweder eine Geschichte wird oder bewiesenermaßen Staub.

Bis dahin bleibt der Umschlag auf meinem Schreibtisch. Er liegt neben dem Lötkolben und einem Foto meiner Schwester. Er riecht nach Maschinenöl und nach dem billigen Klebstoff, mit dem man in diesen Jahren Umschläge zuklebt. Das ist vielleicht eine Spur. Vielleicht auch nicht. Wer mit Frequenzen arbeitet, lernt früh, dass jedes Rauschen einen Grund haben kann — und keinen.

Ada Voss, Terminal Tribune

❖ Ende des Artikels ❖

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