FEHLGESCHALTET: Kanadas Sterbe-System zwischen Wunsch und Spritze
Belleville, Ontario. 10. Juli. Eine Frau stirbt in einem Pflegeheim namens The Pearl. Sie heißt Brigitte Stegemann, im Heim nur Oma oder GG. Sie ist 83. Diagnose Magenkrebs im vierten Stadium, vor dem Tod noch Monate, vielleicht Jahre. Sie stirbt bedeckt mit Blut, die Hände zum Gebet gefaltet.
Das Verfahren läuft unter Medical Assistance in Dying, kurz MAiD — Kanadas staatlich geregelter Weg in den assistierten Tod. Legalisiert 2016, 2021 erweitert. Fortschrittlich, human, autonom. So die Erzählung.
Dann dieser Fall.
Die Enkelin, Brigitte Kranendonk, pflegt die Großmutter seit zwölf Jahren, sechs davon mit medizinischer Vollmacht. Im Gespräch mit der Zeitung schildert sie einen Ablauf, der die Frage aufwirft, was das Gesetz tatsächlich schützt — und was es übersieht.
Drei Daten, drei Bruchstellen.
Im Juni spricht Kranendonk mit der Großmutter über MAiD. Die alte Dame sagt: „Nein, das will ich nicht." Der christliche Glaube spiele eine Rolle, heißt es. Danach bleibt es still. Das Heim sendet Routineupdates. Kein Hinweis auf einen dramatischen Verfall.
Dann der 3. Juli. Das Heim ruft an. Eine MAiD-Beurteilung sei geplant. Die Großmutter habe sich verschlechtert. Wer das Gespräch initiiert hat, will Kranendonk von einer Pflegerin wissen. Die Antwort: defensiv, schroff. „Ich versuche nur, sie zu vertreten."
Acht Tage später, am 10. Juli, die Prozedur. Es ist die erste MAiD in diesem Heim überhaupt.
Hier beginnt der Widerspruch. Hier beginnt das Versagen.
Quelle A — die Familie. Zwei Tage vor dem Eingriff setzt die Enkelin die Großmutter hin. Sagt ihr in klaren Worten, was am Freitag geschieht. Die 83-Jährige bricht in Tränen aus. Sie sagt wiederholt: „Ich habe einen Fehler gemacht." Sie habe, so die Darstellung, nicht verstanden, was mit ihr geschieht, bis die Enkelin es ihr sagte.
Quelle B — die Einrichtung und die MAiD-Praktizierenden. Stegemann habe rechtsgültig eingewilligt. Sie habe den kognitiven Test bestanden. Sie sei fähig gewesen, die Tragweite ihrer Wahl zu erfassen.
Beide Aussagen behaupten, im Namen derselben Frau zu sprechen. Beide schließen einander aus.
Was bedeutet „informierte Zustimmung", wenn die Patientin bei der Aufklärung weint und einen Fehler eingesteht? Was bedeutet „Einwilligungsfähigkeit", wenn sie im selben Atemzug sagt, sie habe nicht gewusst, was mit ihr geschieht?
Im kognitiven Assessment, so die Enkelin, habe die Großmutter Fragen zu Mitgliedern ihrer eigenen Familie falsch beantwortet. Das Heim sei trotzdem vorgegangen. Der erste Injektionsversuch sei fehlgeschlagen. Sie starb nicht sofort. Sie starb nicht friedlich. Sie starb bedeckt mit Blut, die Hände zum Gebet gefaltet.
Die Einrichtung äußert sich nicht. Die Praktizierenden äußern sich nicht. Ihre Position, so übereinstimmende Berichte: formelle Einwilligung sei vorgelegen.
Diese Zeitung spricht über Schaltungen.
Ein Sterbe-System ist ein System. Es hat Anforderungen, Prüfschritte, eine Schnittstelle zwischen Arzt und Patient. Wenn die Anforderungen erfüllt scheinen, läuft die Prozedur. Wenn die Prüfung versagt und die Prozedur trotzdem läuft, dann ist nicht die Maschine das Problem. Dann ist die Maschine das Symptom.
Die zentrale Frage ist nicht, was am 10. Juli in The Pearl geschah. Die zentrale Frage ist, welche Stelle im Gesetz nachfragt, ob eine 83-Jährige, die eben noch isst und auf ihre Enkelin reagiert, wirklich verstanden hat, worin sie eingewilligt hat.
Die zentrale Frage ist, wer das Gespräch begonnen hat, in dem aus „Nein" ein „Ja" wurde. Wer diesen Wandel dokumentiert hat. Wer die Dokumentation prüft.
Das Gesetz verlangt zwei unabhängige Gutachten zur Einwilligungsfähigkeit. Es verlangt keine Vertrauensperson außerhalb der Klinik. Es verlangt keine Angehörigenstimme, die den Patienten seit Jahren kennt. Es verlangt keine Wartezeit, in der die Frage ein zweites Mal gestellt wird, nachdem der Patient geweint und gesagt hat, er habe einen Fehler gemacht.
Die Lücke ist nicht die Pflegerin. Die Lücke ist nicht der Arzt. Die Lücke ist die Norm selbst.
Bis das geklärt ist, bleibt Brigitte Stegemann eine offene Frequenz. Die Drähte summen weiter.
❖ Ende des Artikels ❖
