Kinderärzte fordern Verbot: Rohmilch ist kein Wellness, sondern Risiko
Rohmilch. Das Wort klingt nach Bauernhof und Aufrichtigkeit. Nach Kameradschaft mit der Kuh, nach ehrlichem Schweiß statt industrieller Kälte. Über zehn Millionen Amerikaner trinken sie mittlerweile, der Absatz steigt. Was Rohmilch wirklich ist: ein Vektor für Salmonellen, Escherichia coli, Campylobacter und eine Reihe weiterer Keime, die Kinder ins Krankenhaus bringen und nicht selten auf den Friedhof.
Die American Academy of Pediatrics, der größte Berufsverband von Kinderärzten in den Vereinigten Staaten, hat in dieser Woche ihre seit Jahren erhobene Forderung nach einem landesweiten Verbot erneuert. Präsident Doktor Andrew Racine sagt es ohne Schnörkel: „Immer mehr Leute reden darüber, als sei Rohmilch etwas potentiell Gesundes. In Wahrheit ist es eine hochriskante Sache." Das ist keine Stimmungsmache. Das ist die Bilanz von mehr als hundert Jahren Seuchenkunde, geschrieben in Krankenhausakten und Totenscheinen.
Pasteurisierung — das Erhitzen auf etwa zweiundsiebzig Grad Celsius für rund fünfzehn Sekunden, alternativ als Hochtemperatur-Kurzzeit-Methode — tötet pathogene Keime ab, ohne den Nährwert wesentlich zu verändern. Das Verfahren ist seit 1864 bekannt, benannt nach Louis Pasteur, und in den Vereinigten Staaten seit den 1920er Jahren flächendeckend eingeführt. Vor der breiten Anwendung starben jährlich Tausende Kinder an Rindertuberkulose, Scharlach, Typhus, Brucellose und Diphtherie, übertragen durch kontaminierte Milch. Wer das vergessen hat, möge sich an die Säuglingssterblichkeit der vorigen Jahrhundertwende erinnern — jene langen Listen in den Standesämtern, die mit der Pasteurisierung rapide schrumpften.
Die Faktenlage heute: Rohmilch enthält nach übereinstimmender Aussage von Wissenschaftlern und Gesundheitsbehörden keinen nachweisbaren ernährungsphysiologischen Vorteil gegenüber pasteurisierter Milch. Proteine, Kohlenhydrate, Kalzium, Vitamine, Enzyme — alles identisch. Die Behauptung, Rohmilch helfe bei Laktoseintoleranz oder „stärke das Immunsystem", ist durch keine unabhängige Studie belegt. Der einzige messbare Unterschied: hundertfach erhöhtes Risiko lebensmittelbedingter Erkrankungen. Besonders gefährdet sind Kinder, Schwangere und Menschen mit geschwächtem Abwehrsystem.
In den vergangenen beiden Jahren haben neun US-Bundesstaaten Ausbrüche verzeichnet, die Aufsichtsbehörden direkt auf Rohmilch zurückführen. Salmonellen. E. coli. Allein im vergangenen Monat haben Bundesregulierer einen E. coli-Ausbruch auf unpasteurisierten Käse zurückgeführt. Dreizehn Erkrankte, mehr als die Hälfte davon kleine Kinder. ProPublica hat die Fäden über Monate gesammelt — Berichte über Ursachen und schwere Verläufe, die das Ausmaß der Bewegung sichtbar machen.
Hier wird es politisch. Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. hat die Branche nicht eingedämmt, sondern gefeiert. Er sagt, er „befürworte" Rohmilch. Im Weißen Haus hat er die Veröffentlichung eines Berichts der Bewegung Make America Healthy Again mit einem Toast aus Rohmilch-Shots begossen — einem Getränk, das aus nicht erhitzter Milch besteht. Auf Anfragen zum neuen Positionspapier der Kinderärzte hat sein Ministerium nicht geantwortet.
Die Kongressabgeordnete Rosa DeLauro, Demokratin aus Connecticut und Vorsitzende des parlamentarischen Gremiums für Lebensmittelsicherheit, sagt, sie nehme die Position der Akademie „sehr ernst". Die Ärzte sähen am eigenen Leib, was diese Erkrankungen bei Kindern anrichteten.
Mindestens siebenundzwanzig Bundesstaaten erlauben mittlerweile den Verkauf von Rohmilch — obwohl der Transport über Landesgrenzen nach Bundesrecht weiterhin verboten ist. Die Lockerung geschieht parallel zum politischen Rückenwind für die Branche. Wissenschaftliche Belege für die gesundheitlichen Vorzüge: keine. Politischer Wille, die Gefahr zu benennen: gering. Kinder, die auf Intensivstationen landen, weil ein Elternteil „natürlich" wollte: statistisch nicht erfasst, aber real.
Die Akademie will den Verkauf, die Verteilung und den Vertrieb vollständig unterbinden. Sie hat dies bereits in früheren Positionspapieren gefordert. Nun also die erneute, deutlich formulierte Warnung. Die wissenschaftliche Datenlage ist eindeutig. Die politische ist es nicht. Die Drähte summen weiter. Die Übersetzung steht.
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