Börse
Terminal Tribune

14. Oktober 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

Sechzig Milliarden Rubel gegen das offene Netz

14. Oktober 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Sechzig Milliarden Rubel. Über drei Jahre. Für Verkehrsfilterung. Das ist die Summe, die Russland jetzt in den Kampf gegen seine eigene Bevölkerung investiert. Sechzig Milliarden, um Menschen am Lesen, Sehen und Sagen zu hindern. Wer rechnet das eigentlich durch?

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Ich rechne es durch. Tastatur klickert, Kaffee wird kalt. Mein Büro, dritter Stock über dem Zeitungsviertel. 1937 haben sie mir gesagt, eine Frau gehört nicht in den Saal der Telegraphie. Ich bin trotzdem hier. Heute, über die Drähte gefunkt, betrachte ich diese Zahl — und sie passt in keine Zeit, die ich kenne.

Russland kämpft seit einem Jahrzehnt gegen das Internet. Nicht gegen das Netz selbst — das ist zu groß, zu schlüpfrig, zu schnell. Nein. Gegen die Löcher in der Mauer. Gegen die kleinen Programme, die Bürgerinnen und Bürger sich auf ihre Geräte laden, um zu sehen, was der Kreml nicht sehen lassen will. VPN nennt man diese Werkzeuge. Virtuell, privat, Netzwerk. Ein Tunnel durch Beton.

Drei Jahre, sechzig Milliarden Rubel. Das ist die neue Eskalationsstufe einer alten Eskalation. Im August lief die jüngste Sperrwelle gegen VPN-Nutzer mit Daten, die russische Apps selbst gesammelt hatten. Ich lese das noch einmal: Anwendungen, die der Staat längst anzapft, lieferten dem Staat die Informationen, um gegen Menschen vorzugehen, die ein Werkzeug benutzen, um die Anwendungen des Staates zu umgehen. Es ist, als würde der Gefängniswärter den Gefangenen das Seil verkaufen, mit dem sie ausbrechen wollen — und die Schnittmarke im Seil gleich mitliefern.

So sieht Überwachungsökonomie aus, wenn man den Deckel lupft. Sie ist nicht primitiv. Sie ist Industrie.

Die Türkei zeigt, wohin die Reise geht. Ankara wird aufgefordert, die eskalierende Internetzensur zu beenden. Eine Mahnung von außen, ein diplomatischer Brief, mehr nicht. Aber das Muster ist dasselbe: Filter, Sperren, Strafen für Plattformen, die nicht spuren. Es ist kein russisches Spezifikum. Es ist ein globaler Trend. Staaten, die ihren Bürgern misstrauen, kaufen sich Werkzeuge, um das Misstrauen in Infrastruktur zu gießen.

Dafür zahlt die Öffentlichkeit. Immer. Mit Geld, das in Schulen fehlt, in Straßen, in Krankenhäusern. Mit der schleichenden Entwöhnung vom eigenen Denken. Mit einer Generation, die aufwächst in dem Glauben, das Internet sei ein Ort, an dem man beaufsichtigt wird, kein Ort, an dem man erwachsen wird.

Sechzig Milliarden Rubel. Das ist die Rechnung eines Staates, der verstanden hat, dass Information Macht ist. Das ist die richtige Erkenntnis. Nur die Schlussfolgerung ist falsch herum. Statt die Macht zu teilen, will er sie einsperren. Drei Jahre lang. Mit dem Geld von allen.

Es wird nicht reichen. Das Netz ist dezentral, das ist sein Wesen. Gebaut von Ingenieuren, die Katastrophen überleben wollten, keine Zensoren. Jede neue Mauer erzeugt zehn neue Tunnel. Das ist Physik, nicht Politik. Russland kann noch hundert Milliarden ausgeben, und am Ende wird irgendwo in Tomsk ein Programm auf einer gebrauchten Spielekonsole laufen, das den gesamten Apparat höflich ignoriert.

Was bleibt, ist die Frage, die mir keine Depesche beantwortet: Wem nützt das? Wem nützt eine teure Maschine, die nachweislich nicht hält, was sie verspricht? Sie nützt denen, die bauen. Den Firmen, die Filter verkaufen, den Apparaten, die Posten schaffen, den Beamten, die sich unentbehrlich machen. Sie nützt nicht den Bürgerinnen und Bürgern, deren Namen durch Datenbanken wandern, gesammelt von Anwendungen, die sie selbst installiert haben.

Mein Lötkolben summt. Die Drähte summen lauter. Aus Moskau, aus Ankara, aus hundert Hauptstädten kommt das gleiche Signal: Wir können euch nicht hören, also hören wir euch nicht zu. Aber wir wissen, was ihr sagt.

Sechzig Milliarden Rubel, um das Gegenteil zu beweisen. Man muss kein Prophet sein, um das Ende vorauszusagen. Man muss nur zuhören.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZAHL Russia plans to spend nearly 60 billion rubles over three years on traffic filtering

    im Titel der Quelle gefunden

  2. ZITAT Russia has spent a decade trying to stop people from bypassing internet censorship

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

5 Quellen · 1 davon belegt · 2 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort