Börse
Terminal Tribune

14. Oktober 2026

Dossier · Klimawandel

Die Schicksalswahl kommt — die Ernte ist längst verbrannt

14. Oktober 2026 — — Doc Brenner, irgendwo im Staub

Zürich, im Oktober. Die Schweiz hat einen schönen Herbst. So sagen die Meteorologen. Sonnig, warm, wenig Regen. So steht es in den Bulletins, gedruckt auf Hochglanz, geliefert in klimatisierten Büros.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Wer die Bulletins schreibt, steht drinnen und schwitzt nicht.

Wer auf dem Acker steht, schwitzt trotzdem. Nicht weil ihm warm ist. Sondern weil unter seinen Stiefeln alles birst. Die Erde hat Risse wie altes Leder. Risse, durch die das letzte Wasser längst geflossen ist.

Die Rekordtrockenheit hat die Felder erreicht, und sie hat keine Gnade gekannt. Mais knickt ein, bevor er reift — Kolben halb gefüllt, Halme gekrümmt wie betende Hände, die niemand erhört. Zuckerrüben werden so klein, dass die Erntemaschine sie überhaupt nicht greift. Kartoffeln liegen in der Erde wie verschüttete Münzen — klein, verschrumpelt, zu nichts mehr zu gebrauchen, außer als Beweis, dass hier einmal jemand gesät hat. Soja, dieses gelbe Versprechen, ist in dieser Saison eine Plage geworden, kein Ertrag. Sonnenblumen drehen ihre Köpfe nicht mehr der Sonne nach, sondern dem Staub, der von den Feldern weht. Und Kürbisse, diese orangenen Schwerter des Herbstes, sind rar in diesem Jahr. Rar wie ein ehrlicher Wahlkampf.

Die Landwirtschaftskammern rechnen nach. Körnermais: minus dreißig Prozent gegenüber dem Fünf-Jahres-Schnitt. Bei Zuckerrüben sieht es kaum besser aus. Bei Kartoffeln noch schlimmer. Das sind keine Zahlen auf einem Bildschirm. Das sind Tonnen, die nicht mehr auf den Tisch kommen. Auf manchen Tisch, ja — auf jenen, die sich importierte Ware leisten können. Aber nicht auf alle.

Die Schweiz im Jahr der Schicksalswahl. Das ist ein Land, das seine eigenen Quittungen nicht mehr liest. Die Parteien, die seit Jahrzehnten die Fäden ziehen, haben ein Problem. Sie können die Menschen nicht mehr an sich binden. Nicht weil die Menschen flatterhaft geworden sind. Sondern weil die Menschen spüren, dass der Boden unter ihnen nachgibt.

Die Parteien reden über Wolkenkratzer. Über Hochhäuser, die Zürich spalten sollen, die Ostermundigen spalten sollen. Stahl und Beton, gegossen in eine Landschaft, die selbst nicht mehr zusammensteht. Die Hochhäuser sind das sichtbarste Symbol einer Politik, die nach oben wächst, während die Wurzeln verfaulen. Man baut Türme, um die Augen abzulenken von dem, was am Boden geschieht.

Daneben blüht der Schwarzmarkt. Waffenkriminalität — das Wort klingt nach Krimi, ist aber Landidylle. Wo der Staat die Felder nicht mehr bewässern kann, bewaffnen sich die Bürger die Scheunen. Wo die Ernte schrumpft, wachsen die dunklen Kanäle. Wo die Aufsicht schläft, wacht das Geld. Es ist eine Logik, so alt wie die Landwirtschaft selbst: Was knapp ist, wird teuer. Was teuer ist, wird verboten. Was verboten ist, wird gehandelt.

Die Mückensaison ist in diesem Herbst besonders lang. Die Tiere lieben Wärme. Die Wärme liebt Trockenheit. Die Trockenheit liebt die Politik, die seit Jahrzehnten wegsieht. So schließt sich der Kreis. Die Mücken stechen den Bauern. Der Bauer kann nicht ernten. Die Ernte wird importiert. Das Importierte wird teuer. Das Teure macht wütend. Die Wütenden gehen nicht mehr wählen. Oder sie wählen jene, die noch lauter schreien als die anderen.

Vor der nächsten Schicksalswahl wird der Filz in den Parteizentralen zum Problem. Nicht weil er zu eng geknüpft ist. Sondern weil er nichts mehr hält. Die Schnüre, die früher Stimmen banden, binden heute nur noch jene, die ohnehin schon gebunden sind. Die anderen gehen. Manche gehen auf die Straße. Manche gehen über die Grenze. Manche gehen in die Wälder, wo der Boden noch feucht ist und das Moos noch grün.

Die Erde schreibt ihre Rechnungen langsam. Aber sie schreibt sie. Sie schreibt sie in den Staub, der von den Feldern weht. Sie schreibt sie in die Risse im Lehm. Sie schreibt sie in das Brummen der Mücken, das nicht enden will. Sie schreibt sie in die leeren Scheunen, in die leeren Wahlurnen, in die leeren Versprechen.

Wer lesen kann, sieht sie. Wer nicht lesen kann, nennt sie Wetter.

Der Boden vergisst nichts.

❖ Ende des Artikels ❖

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort