423 Tage. Das Meer hat nicht unterschrieben
Vierhundertdreiundzwanzig Tage. Dann wurde das britisch-französische „One in, one out"-Abkommen begraben. Leise, Anfang Oktober, zwischen Pressekonferenzen, die niemanden mehr überraschen.
Es sollte die Überquerungen des Ärmelkanals stoppen — des meistbefahrenen Schifffahrtswegs der Welt. Es hat sie nicht gestoppt. Es hat sie nur gefährlicher gemacht. So fangen sie alle an. Mit einem Paragrafen, einem bilateralen Vertrag, einem Handschlag in Calais. So enden sie auch. Mit Formularen, die niemand lesen will, und Zahlen, die nicht stimmen.
Ich denke an eine Frau aus Eritrea, deren Namen ich nicht schreiben darf. Sie hat damals in Grande-Synthe gewartet, mit zwei Kindern und einem Satz, den ich nicht vergessen habe: „Bitte nicht das Meer." Sie hat es trotzdem genommen. Sie hat überlebt. Das ist kein Rückgang in einer Statistik. Das ist ein Lottoschein.
Die Zahl der Boote ist im letzten Jahr zurückgegangen, sagt das Home Office. Stimmt. Die Menschen nicht. Sie versuchen es weiter. Mit weniger Booten, schlechterem Material, längeren Routen. Die Border Force zieht sie aus dem Wasser. Es gibt ein Foto für die Pressekonferenz am nächsten Morgen. Die Maschine dreht sich weiter.
Als Ersatz für das gescheiterte Abkommen hat die Regierung die Zahl der Bereitschaftspolizisten an der französischen Küste verdoppelt.
Gestern dann die jährliche Bedrohungsanalyse des Inlandsgeheimdienstes MI5. Deren Chef warnte: Extremisten mit anti-migrantischen Überzeugungen planen mit wachsender Wahrscheinlichkeit terroristische Anschläge auf Immigrationszentren und Asylhotels.
Ich schreibe das einmal. Weil ich es zweimal lesen musste.
Anschläge auf Menschen, die in Schläuchen über einen Kanal gekommen sind, weil ihnen ein anderes Land, in einem anderen Jahr, etwas anderes gesagt hat.
In der gleichen Woche bestritt Nigel Farage, dass eine Reform-Regierung tödliche Gewalt gegen kleine Boote im Ärmelkanal anordnen würde. Sein Parteikollege Oliver Ryan twitterte derweil, es habe „0 Boote vor Brexit" gegeben. Die Faktenprüfer von Full Fact haben nachgezählt: 214 Boote, 2.236 Menschen, allein vor dem formellen Austritt am 31. Januar 2020. Berichte über solche Überfahrten gehen fünfzig Jahre zurück, sagt das Migration Observatory. Häufiger wurden sie nach 2018. Brexit war ein Datum, keine Ursache.
Eine Ursache ist, dass Europa seine Wege zusperrt und gleichzeitig erwartet, dass die Menschen vor den Toren verschwinden. Sie verschwinden nicht. Sie gehen zu Fuß, in Lastwagen, in Schlauchbooten.
Die Vereinbarungen kommen und gehen. Der Kanal bleibt.
Ich schweige jetzt einen Moment.
Eine Frau aus dem Sudan. Ein Junge aus Afghanistan. Ein Mann aus dem Iran, der vier Jahre in einem Lager bei Athen verbracht hat, bevor er Calais erreichte. Ich darf ihre Namen nicht nennen. Ich darf ihre Gesichter nicht beschreiben. Aber ihre Akten kenne ich. Jede Seite. Jeden Vermerk. Jeden verstrichenen Termin.
423 Tage. Das Abkommen hatte „negligible impact", schreibt der Guardian. Ich übersetze das nicht. Sie wissen, was es bedeutet.
Terrorwarnung. Wahlkampfgetöse. Faktencheck. Das ist die Reihenfolge dieser Woche. Dahinter: Wasser, Kälte, ein Kind, das seekrank ist und trotzdem paddelt.
Mein Koffer steht unter dem Schreibtisch. Nicht für heute. Aber für den nächsten Anruf.
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