Toilettenpapier und ein USB-Port — wie Saudi-Arabien an OpenAIs Drähte wollte
San Francisco. Die Drähte summen, und diesmal führen sie in einen Konferenzraum im Herzen des Silicon Valley. Abdulrahman Alfozan, 35, Staatsbürger des Königreichs Saudi-Arabien, saß dort kein Jahr im Gefüge des mächtigsten KI-Konzerns der westlichen Welt — und wurde am Freitag vom FBI abgeführt.
Was er hinterlassen hat, erzählt eine Geschichte, die in ihrer Schroffheit fast komisch wirkt: ein Aufnahmegerät, eingewickelt in Toilettenpapier, in den USB-Port eines Fernsehers gestopft. Seeed Studio stand auf dem Gehäuse zu lesen — ein Hersteller, der offenkundig genau das verkauft, wofür man es benutzen kann. Das zweite Gerät lag unbeaufsichtigt in seiner Tasche, neben Ausweis und Brieftasche.
Die Anklage wiegt schwer. Bundesanwälte werfen dem Ingenieur vor, ein elektronisches Gerät benutzt oder zu benutzen versucht zu haben, um mündliche Kommunikation abzufangen. In dem Raum, den er nicht betreten durfte, sollen Diskussionen über firmeneigene Forschung, technische Fähigkeiten, Regierungsbeziehungen und kommerzielle Partnerschaften stattgefunden haben. Proprietäre Information. Das, was in diesem Geschäft Geld und Macht wiegt.
Alfozan arbeitete seit Juli 2025 für OpenAI — mehr als ein Jahr, bevor er festgenommen wurde. Nach Angaben der Klageschrift tauchte er in diesem Zeitraum acht Mal vor Überwachungskameras in der Nähe des Konferenzraums auf, obwohl ihm jede Befugnis dazu fehlte. Am 5. Oktober betrat er den Raum, um nach dem Gerät zu sehen. Noch am selben Tag öffnete Sicherheitspersonal seine zurückgelassene Tasche.
Was hier bisher nicht behauptet wird, ist ein klassischer Datenraub. Kein Diebstahl von Modellgewichten, Quellcode oder Kundendaten, wie OpenAI inzwischen selbst betont. Man habe die eigenen KI-Modelle benutzt, um das Gerät zu analysieren und seinen Ursprung zurückzuverfolgen. Die Ermittler bestätigen das vorläufig. Was die Anklage beschreibt, ist das ältere Spiel — das Lauschen, verkleidet in moderner Verzweiflung.
Die Vorbereitung erfolgte über das Werkzeug, das niemand mehr ernst nimmt: einen Chatbot. Zwischen dem 17. August und dem 16. September befragte Alfozan demnach einen KI-Assistenten zu Besprechungsräumen, deren Auslastung, externen Partnern und sogar den Standorten von Führungskräften. Ein zweites Konto, das mit seiner Frau verknüpft sein soll, fragte nach Bau und versteckter Installation von Aufnahmegeräten — und wie man sie aus der Ferne abrufen könne.
Genau hier kratzt jede gut geführte Depesche. Die Werkzeuge sind nicht das Versagen. Das Versagen ist die Annahme, dass man im Jahr 2026 eine Wanze hinter einem Fernseher verstecken und unbemerkt wieder einsammeln kann. Wer so vorgeht, hat entweder sehr viel Glück erwartet oder sehr wenig Zeit gehabt. Das Toilettenpapier ist kein kriminalistisches Detail — es ist die Signatur. Wer auf diese Weise improvisiert, handelt nicht aus Stärke.
FBI-Spezialagent Scott Schelble aus San Francisco sagt es so: Jeder Versuch, geschützte Informationen von US-Superintelligenz- und Technologieunternehmen unrechtmäßig zu erlangen, bedrohe sowohl die amerikanische Innovation als auch die nationalen Sicherheitsinteressen, die diese vorantreiben. Fünf Jahre Haft, 250.000 Dollar Geldstrafe, drei Jahre Bewährung — so sieht die Rechnung aus, falls das Urteil fällt.
Dass ausgerechnet Saudi-Arabien hier auftaucht, ist kein Zufall. Alfozan wurde in den USA ausgebildet, ist rechtmäßiger Daueraufenthalter — und damit eine Brücke zwischen Riad und San Francisco. Im Hintergrund läuft, was Analysten längst als KI-Wettrüsten zwischen den Vereinigten Staaten, China und anderen Mächten bezeichnen. Die Konferenzräume der Konzerne sind in dieser Logik keine Büroräume mehr, sondern Frontabschnitte. Das Gehirn der Branche sitzt in Gebäuden, deren Schlösser offenbar nicht halten, was ihre Logos versprechen.
Was bleibt für die Drähte? Ein abgeschaltetes Gerät, ein leerer Stuhl, ein Foto, das einen Mann zeigt, wie er hinter einen Fernseher schaut. OpenAI hat den Angestellten nach dem Vorfall entlassen. Die Bundesanwaltschaft führt Akten. Die Frage, wem diese Aufnahmen — wären sie gelungen — gegolten hätten, bleibt offen. Die offiziellen Papiere sind Eisbergspitzen, wie immer.
Ada Voss hört zu.
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