Anschuldigung schlägt auf Anschuldigung
Der Regen steht schräg vor den Fenstern der Redaktion. Irgendwo unten spielt jemand eine Platte, die klingt, als wäre sie schon einmal in einem besseren Leben gehört worden. Kim singt hinter der Theke. Die Kanne Bourbon in der Schublade ist halb leer. Das ist also der Zustand der Welt, während ich diese Zeilen tippe.
Zwei Männer. Eine Stadt. Eine Bühne, die sich Vereinte Nationen nennt. Und ein Wort, das zwischen ihnen hin und her fliegt wie eine schlecht geworfene Granate: Völkermord.
Zohran Mamdani, Bürgermeister von New York, hat Benjamin Netanyahu, Ministerpräsident von Israel, einen "Architekten eines entsetzlichen Völkermords" genannt. Er tat es vor Reportern, mit ruhiger Stimme, als buchstabiere er eine Tatsache. Er tat es zudem nur wenige Tage, bevor Netanyahu im UN-Hauptquartier sprechen wollte, und erinnerte daran, dass gegen den Ministerpräsidenten ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs wegen angeblicher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorliegt. Ein elfjähriger Junge, sagte Mamdani, sei vor wenigen Tagen in einer als sicher geltenden Zone in Gaza getötet worden. Das sei es, was er zu dem Video des Ministerpräsidenten zu sagen habe.
Netanyahu seinerseits hatte das Video zuvor aufgenommen. Darin nannte er den Bürgermeister einen Unterstützer der "Hamas-Terror-Monster", die "unser Volk abgeschlachtet" hätten. Er beschuldigte Mamdani, gegen New Yorker Juden zu hetzen und diese in Angst zu versetzen. Er kündigte an, in die Stadt zu kommen, um "die Wahrheit über unsere heldenhaften Soldaten" zu erzählen und "die Wahrheit über Sie, Herr Mamdani".
Die Wahrheit. Das ist natürlich ein dehnbarer Begriff. Beide Seiten werfen ihn sich vor die Füße wie einen nassen Lappen.
Was hier stattfindet, ist kein politischer Schlagabtausch im üblichen Sinn. Es ist ein Spiegel. Die Vorwürfe, die zwischen Mamdani und Netanyahu hin- und hergehen, sind exakt jene, die seit Jahren in den Korridoren der Vereinten Nationen, in Talkshows und auf Demonstrationen verhandelt werden. Völkermord. Kriegsverbrechen. Antisemitismus. Hetze. Es sind Begriffe, die in jeder Sitzungswoche des UN-Sicherheitsrats fallen, meist ohne Resolution, meist ohne Folgen. Diesmal stehen sie zwischen einem Bürgermeister und einem Regierungschef, die sich offenbar persönlich begegnen wollen, ohne sich zu begegnen.
Mamdani war in den Wahlkampf gezogen mit dem Versprechen, Netanyahu bei einem Besuch in New York wegen des ICC-Haftbefehls festnehmen zu lassen. Später räumte er ein, dass seine Stadtverwaltung dazu rechtlich nicht in der Lage sei. Der Haftbefehl war im November 2024 ausgestellt worden; seine Regierung weigert sich, die Vorwürfe anzuerkennen. Was bleibt, ist ein rhetorischer Patt. Jede Seite kann auf ein Dokument zeigen, das ihre Position untermauert, und auf das Fehlen eines Dokuments, das die andere Seite entlastet.
Die Vereinten Nationen sind dabei der falsche Ort und der einzige Ort zugleich. Netanyahus Auftritt im September sollte keine klassische Rede vor der Vollversammlung sein. Ehemalige Botschafter verglichen sie schon im Vorfeld mit einer "Wahlkampfrede". Die Generaldebatte fällt in eine Phase israelischer Wahlen, fünf Wochen vor dem Urnengang. Umfragen sehen Netanyahus Lager nicht in Sicherheit. Er trifft sich in New York mit neun Regierungschefs, fünf davon aus Lateinamerika. Mit dem US-Präsidenten ist kein Treffen geplant. Das, sagen frühere Botschafter, habe es zuletzt nicht gegeben.
Während der Rede verließen Delegierte den Saal. Netanyahus Team applaudierte Berichten zufolge während des Gehens. Später nannte der Ministerpräsident die Behauptung eines Völkermords in Gaza "die größte Lüge des Jahrhunderts". Das ist eine bemerkenswerte Kategorie. Größte Lüge eines Jahrhunderts, in dem die Lüge industrielle Massen erreicht hat.
Mamdani wirft Netanyahu vor, den Völkermord zu planen und zu verantworten. Netanyahu wirft Mamdani vor, die Hamas zu unterstützen und Juden in New York in Gefahr zu bringen. Beide Vorwürfe stehen im Raum. Beide Seiten haben ein Publikum, das applaudiert. Und mittendrin stehen ein elfjähriger Junge in einer als sicher ausgewiesenen Zone und New Yorker Juden, die sich nach den Worten beider Männer fürchten sollen.
In Manhattan ließ die israelische Regierung vor der Rede 500 Plakate und Dutzende Trucks mit pro-israelischen Botschaften aufstellen. "Die Freiheit verteidigt sich nicht selbst", steht auf den Plakaten. Darunter, kleiner: "Bezahlt vom Staat Israel". Auf den Straßen gegenüber: Demonstranten, die "Stoppt die Aufrüstung Israels, lasst Gaza leben" rufen. Die Polizei nahm einige fest. In der Logik dieses Konflikts ist das noch die ruhige Variante.
Was bleibt, ist ein Bild, das in jedem Café zwischen Bowery und Riverside hängen könnte: Zwei Männer, die sich gegenseitig das Wort geben, das ihre jeweilige Anhängerschaft am tiefsten trifft. Der eine sagt Völkermord. Der andere sagt Hamas. Beide wissen, was sie tun. Beide wissen, dass das Wort, einmal ausgesprochen, seinen eigenen Weg geht.
Mamdani weist die Hamas-Vorwürfe als unwahr zurück. Netanyahus Regierung weist die Genozid-Vorwürfe als unwahr zurück. Keine der beiden Seiten legt vollständige Beweise vor, die vor einem unabhängigen Gericht bestehen würden. Was vorliegt, ist ein ICC-Haftbefehl, den Israel nicht anerkennt. Was vorliegt, sind Bilder aus Gaza, die niemand vollständig einordnen kann. Was vorliegt, ist eine Statistik, über deren Interpretation gestritten wird. Der Fact-Checker wird das alles in seine Akten aufnehmen und nichts davon abschließend bewerten können. Die Anschuldigungen sind zu schwer, um sie zu beweisen, und zu groß, um sie zu widerlegen.
Kim hat die Platte gewechselt. Die Kanne Bourbon ist jetzt leer. Morgen ruft jemand aus dem Außenministerium an und fragt, ob wir das im Mai auch noch so sehen.
❖ Ende des Artikels ❖
