Siebenhundert Tonnen Hölle über dem Süden Libanons
Der Regen klopft ans Fenster der Redaktion wie ein Bote, der nicht weiß, was er ausrichten soll. Bourbon auf halb acht, die Zigarette glüht, und Kim unten singt etwas Trauriges auf Arabisch. Wir sitzen im Licht einer einzigen Lampe, und die Nachrichten aus dem Süden Libanons flackern über den Draht wie ein defekter Morsecode.
Siebenhundert Tonnen Sprengstoff. Lesen Sie das noch einmal, wenn Sie können. Siebenhundert Tonnen — genug, um einen Hügel wegzubügeln, eine Stadt zu begradigen, eine Geschichte zu begraben. Die israelische Armee behauptet, mit dieser Menge die Tunnel der Hisbollah gesprengt zu haben, jene unterirdischen Gänge, die von der Burg Beaufort und umliegenden Dörfern aus bis in die galiläische Grenzregion führen sollten. Man hört die Explosionen im gesamten Süden, sagen Anwohner. Man sieht den Himmel sich verfärben über Tyre. Man riecht das, was Krieg immer riecht — Beton, Phosphor, etwas Verbranntes, das keinen Namen trägt.
Das ist die offizielle Version. Und jetzt beginnt das, was wir Journalisten den Rest der Wahrheit nennen — jenen Teil, der zwischen den Zeilen der Pressekonferenzen wohnt.
Ein israelischer Sprecher sagt: Die Tunnel sind zerstört. Andere israelische Stimmen sagen: Die Tunnel sind zerstört. Eine dritte Quelle wiederholt es, mit anderen Worten. Diese Einmütigkeit ist verdächtig — nicht weil sie lügt, sondern weil sie zu sauber ist. Die Geschichte wird erzählt wie ein Drehbuch. Der Feind hatte Tunnel. Die Tunnel hatten Waffen. Die Waffen hatten Ziele. Wir haben gesprengt. Klappe, Applaus. Aber wer zählt eigentlich nach?
Die Opferzahlen, verehrte Leser, sind ein Menü, aus dem sich jeder nimmt, was ihm schmeckt. Eine Quelle spricht von einem Toten. Eine andere spricht von elf Verletzten. Wieder andere schweigen ganz. Was stimmt? Niemand weiß es. Niemand will es wissen. Das ist das Wesen dieses Konflikts — Zahlen werden nicht gezählt, sie werden ausgehandelt. Oder sie werden schlicht vergessen, sobald der nächste Morgen anbricht.
Dann der Vorwurf, Journalisten seien Ziel der Angriffe gewesen. Israel weist das zurück, schnell, formell, mit der Empörung eines Unschuldigen, der zu früh antwortet. Was genau geschah in jenen Nächten, in denen Truppen in den Städten vom Süden "gewaltsame Explosionen" auslösten? Welche Kameras haben aufgezeichnet? Welche Augenzeugen haben überlebt? Fragen, die im Lärm der Detonationen untergehen — und genau das ist der Punkt. Wer nicht fragt, bekommt auch keine Lüge. Er bekommt nur Stille, und Stille ist in diesem Geschäft die mächtigste Waffe.
Die Burg Beaufort — neunhundert Jahre alt, einst Kreuzfahrer, dann Osmanen, dann Franzosen, dann ein Stapelplatz für Raketen, die gen Metula flogen. Vierhundert Geschosse sollen von dort gekommen sein, dazu Drohnen und Panzerabwehrraketen. Nun ist die Festung offenbar wieder in israelischer Hand. Die Kameras der Armee zeigen Tunnel darunter, gefüllt mit Kommunikationsanlagen, Munition, Matratzen, Konserven. Das ist plausibel. Das ist glaubwürdig. Und trotzdem fragt sich der geübte Leser: Wie viele dieser Tunnel wurden tatsächlich gefunden? Wie viele wurden nur behauptet? Was wurde zuerst gesprengt und was erst danach hineingelegt, damit die Kameras etwas zu filmen hatten?
Ich sage nicht, dass es so war. Ich sage nur: In jedem anderen Krieg, den ich gesehen habe, wäre es so gewesen. Die Geschichte wird von denen geschrieben, die überleben, und sie wird gedruckt von denen, die bezahlen.
Der Süden Libanons ist am östlichsten Rand des Mittelmeers eine Landschaft aus Schutt und Erinnerung. Die Toten seit Anfang März — viertausenddreihundertvierundzwanzig, sagt eine libanesische Quelle. Eine Zahl, so groß, dass sie aufhört, eine Zahl zu sein und anfängt, ein Gewicht zu werden. Und jetzt kommen diese siebenhundert Tonnen Sprengstoff obendrauf, auf eine ohnehin zermalmte Erde, eine weitere Schicht Zerstörung auf eine Landschaft, die keine Schichten mehr tragen kann.
Die stärksten Bomben seit der Juni-Waffenruhe, heißt es. Die tödlichsten seit dem letzten Hoffen auf Frieden. Wir im Geschäft haben gelernt, die Superlative zu zählen wie andere Leute Sonnenstunden. Es ist immer das Stärkste, immer das Seit-Langem-nicht-mehr, immer das Historische. Die Sprache der Gewalt wird immer größer, während die Menschen darunter immer kleiner werden.
Was bleibt? Siebenhundert Tonnen Sprengstoff, die nichts lösen. Tunnel, die entweder zerstört sind oder es bald sein werden. Eine Statistik, die niemand überprüft. Höhlen gesprengt, Häuser eingerissen, und ein Himmel über dem Südlibanon, der sich weigert, aufzuhören zu brennen.
Kim unten hat aufgehört zu singen. Vielleicht hat sie die Nachrichten gehört. Oder vielleicht hat sie einfach keinen Ton mehr übrig.
❖ Ende des Artikels ❖
