DER DETECTIVE, DER GLORIA NAHM — SECHS JAHRZEHNTE BIS ZUM BLUT
Chicago, 12. November 1960. Der Regen stand in den Pfützen der West Englewood. Ein Mädchen verließ das Haus, ein paar Häuserblocks bis zur Frühmesse, St. Mary of Mt. Carmel. Gloria Kowalewicz, acht Jahre alt. Gebetbuch in der weißen Kommunientasche. Sie kam nie an.
Vier Stunden später fanden sie sie in einem Graben an einem Forest Preserve, ein Stück südwestlich der Stadt, meilenweit vom Zuhause der Familie. Zweimal in den Kopf geschossen.
Die Stadt stand kopf. Chicagoer Polizei, Staatspolizei, Feuerwehrleute, Pfadfinder, Veteranen — alle suchten. 1.300 Befragungen. Hunderte Türen. Ein junger Mann, der mit einem Mädchen gesehen worden war, sagten Zeugen. Mehr nicht. Die Akte wanderte in einen Karton, der Karton in ein Archiv, das Archiv vergaß nicht — es wartete nur.
Sechsundsechzig Jahre hat es gedauert.
Thomas Francis McInerney Jr. war im November 1960 vierundzwanzig Jahre alt, ein Jahr im Dienst der Chicago Police, Army-Veteran, wohnhaft um die Ecke. Er blieb achtundzwanzig Jahre auf der Wache, stieg auf zum Detective, ging 1987. Er ging 2006, mit siebzig. Sein Lebenslauf liest sich wie der eines Mannes, der das Gesetz trägt — und der es, wie sich nun herausstellt, mit Füßen trat.
Quellen: Chicago Bureau of Detectives, Fox 32 Chicago.
Die Wahrheit kam nicht aus dem Verhör. Sie kam aus der Datenbank. DNA, eingespeist über eine genealogische Ahnenplattform; ein Fingerabdruck auf dem Riemen von Glorias weißer Kommunientasche, von irgendeinem Labormann vor sechs Jahrzehnten sorgfältig konserviert; dazu Kugel, Mantel, Schuhe und das Gebetbuch selbst. Bewahrt. Vergessen. Wieder ans Licht gezogen von moderner Forensik, FBI und Illinois State Police. Was sich anhört wie Sternenstaub und Mathematik, ist in Wahrheit ein Skalpell — und es traf einen Toten.
Forensische Genealogie. So nennt man's jetzt. Klingt klinisch. Klingt sauber. Was es heißt: ein toter Detective und ein totes Mädchen stehen endlich beim Namen in derselben Akte.
In Malmstrom, Montana, hat ein Sheriff-Büro dieser Tage einen anderen alten Fall geschlossen. Ein Doppelmord, 1956, sechsundsechzig Jahre her, derselbe Werkzeugkasten — DNA, konserviert, plus die Genealogie der Enkel und Urenkel. Es ist das neue Werkzeug der alten Kälte. Es braucht Zeit, es braucht Geduld, es braucht Erbmaterial, das überlebt.
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Es gibt ein Muster, das sich wiederholt, Generation um Generation, Kontinent um Kontinent. Im Februar 1993 wurde in Liverpool der zweijährige James Bulger aus einem Einkaufszentrum gezerrt, gefoltert, getötet. Was Britannien schockierte, war nicht allein die Tat. Es war das Alter der Täter. Zehn Jahre alt. Beide. Kind tötete Kind.
1956 in Montana. 1960 in Chicago. 1993 in Liverpool. Drei Zahlen. Drei Kinder, die bluteten. Die Zeit brauchte Jahrzehnte, um den Mördern ins Gesicht zu leuchten.
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Chief of Detectives Kevin Bruno sagte es so, wie Männer es sagen, die das Siegel tragen: "Die Tatsache, dass er Polizist war, ist zutiefst verstörend für alle, die diesen edelsten Beruf zu ihrem Leben gemacht haben." Zutiefst verstörend. Ein höfliches Wort für Verrat.
Das CPD formulierte es noch kälter: "McInerney hätte nie den Stern tragen sollen. Es ist erschütternd, zu akzeptieren, dass er zu Lebzeiten nie identifiziert und zur Rechenschaft gezogen wurde." Schöne Worte, sechsundsechzig Jahre zu spät.
Adam Kowalewicz, Glorias Bruder, sprach zum Tribune: "Er hat seine Schuld nie bezahlt." Man hoffe, er zahle sie nun beim Herrgott. Die Eltern sind tot. Sie haben die Wahrheit nicht erlebt.
Und McInerney? Der ging, nachdem er aus dem Dienst schied, zur Bundesanwaltschaft. Als Ermittler, in Las Vegas, in Reno. Verteidiger der Angeklagten. Nachdem er selbst ein Kind erschossen hatte.
Man soll die Sache nicht dramatisieren. Man soll es so sagen, wie der Kaffee schmeckt, wenn er kalt wird: ernüchternd.
Ein Detective, der mordet, ist nicht nur ein Verbrecher. Er ist der Beweis, dass die Uniform nicht sauber ist. Sie ist nur Stoff. Das ist das, was uns nicht schlafen lässt. Nicht der Schuss. Das Wissen, dass die Hand, die das Versprechen gab, dieselbe Hand war, die abdrückte.
Wenn Sie das nächste Mal einen Stern auf einer Brust sehen, fragen Sie sich, wer ihn heute trägt — und was er gestern war.
Die Antwort kennt nur das Archiv.
Heute hat es gesprochen.
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