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14. Oktober 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Taiz brennt, Zahlen lügen — Huthis rücken vor

14. Oktober 2026 — Morrison, over and out.

Die Kaffeetasse ist leer, die Schreibmaschine kalt, im Fenster das gelbe Licht vom Café unten, in dem Kim heute nicht singt. Wieder Nachrichten aus einem Land, das die Welt längst abgeschrieben hat wie eine unbezahlte Rechnung in einem vergessenen Aktenordner. Jemen. Taiz. Die Stadt, die zwischen den Linien liegt wie ein Köter im Schützengraben — keiner will sie, beide Seiten zerreißen sie. Und irgendwo ein Mann mit einem Bleistift, der versucht, das Elend in Sätze zu fassen.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

In der Nacht auf Donnerstag haben die Huthi-Rebellen ihre Angriffe auf den Taiz-Distrikt und andere Gebiete im Südwesten des Landes eskaliert. Was als Scharmützel zwischen zwei verfeindeten Linien begann, ist wieder einmal das, was Krieg in diesem Land immer ist: ein Schritt nach vorn, zwei Schritte zurück, und tausend Schritte weg von zu Hause, weg vom Hof, weg vom Brunnen, weg von allem, was einmal Zuhause hieß. Die Kämpfe entlang der Rotmeer-Küste konzentrieren sich auf die Distrikte Al-Barah und Maqbanah — Namen, die auf keinem Stadtplan stehen, den ein anständiger Mensch je studiert hätte, und doch Orte, in denen jetzt gerade jemand stirbt oder ein Kind nach Wasser fragt. Hier schlagen die Wellen ans Ufer, dort schlagen die Geschosse ein. Die Geographie des Elends bleibt seit Jahren dieselbe.

Nun beginnt, wie immer in solchen Nächten, der Zahlenzirkus. Wie viele Tote? Eine erste Quelle spricht von über 60 Toten in den Kämpfen. Stunden später nennt eine zweite 300. Bei Angriffen auf Boote im Roten Meer werden 227 Tote gemeldet — und auch dort widersprechen sich die Stellen, die angeblich zählen sollen, als wäre die Wahrheit eine Verhandlungsware. Man nehme, was man glauben will, oder was einem gerade nützt. Die Wirklichkeit liegt, wie stets, irgendwo zwischen den Zahlen — dort, wo Männer mit Gewehren auch die Hand an der Tabelle haben.

Was bleibt an greifbarer Wahrheit nach dem Rechnen? 26 Soldaten der Regierungstruppen tot. 31 Huthi-Kämpfer tot. Mindestens sechs Zivilisten durch einen einzelnen Raketenangriff getötet — andere Quellen wollen nur vier bestätigen und streiten sich dann über die zwei fehlenden. Die Verwandten zu Hause können mit beiden Zahlen nichts anfangen. Sie merken es anders: Der Stuhl bleibt leer am Morgen. Das Brot wird nicht mehr gebrochen zu Mittag. Das sind die wahren Zahlen, die keine Quelle aufschreibt.

Die Huthis rücken auf al-Rahabah vor. Das ist nicht irgendein Außenposten auf irgendeiner Karte — das ist die Richtung, in der die Familie von Saeed lebt. Saeed floh schon einmal. Und noch einmal. Und jetzt wieder. "Die Kämpfe brachen plötzlich in der Nacht aus", sagt er, ohne den Satz zu beenden, weil jeder weitere Tag in seinem Leben ein neuer Anfang vom Ende ist. Hunderte Familien haben Taiz erneut verlassen. Insgesamt sind Tausende auf der Flucht, unterwegs durch eine Landschaft, in der die nächstgelegene sichere Stadt eine Tagesreise entfernt liegt — und auf dem Weg dorthin das nächstgelegene Dorf unter Beschuss stehen kann.

Die jemenitischen Streitkräfte melden unterdessen 14 ballistische Raketen, die von den Huthis auf Regierungsgebiet abgefeuert wurden. Ziele: Hodeidah, Taiz, der Hafen von Mokha — jener Hafen, der den Wirtschaftsraum offen halten soll, den dieses Land überhaupt noch besitzt. Der jemenitische politische Aktivist Riyadh Aldubai bringt es in einem Satz auf den Punkt: Die aktuelle Angriffswelle sei keine "vorübergehende Eskalation, sondern ein Krieg, den die Huthi-Milizen führen, um die wirtschaftlichen Institutionen und die Infrastruktur des Jemen zu zerstören". So klingt es, wenn einer den Elefanten im Raum beim Namen nennt, ohne zu fragen, wer den Elefanten reitet.

Während hier die Tinte trocknet, beginnen dort die nächsten Beschüsse. So geht das. In Taiz. An der Rotmeer-Küste. Und morgen? Morgen wird jemand eine andere Zahl nennen, eine andere Quelle wird sie bestreiten, und die Familien werden weiter zählen, was wirklich zählt — die leeren Stühle am Tisch, die unbeantworteten Fragen, die verpassten Morgen.

Wer zählt die Toten noch, wenn man längst aufgehört hat, ihre Namen zu lernen?

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