Mittelmeer im Fadenkreuz – Lunchbox-Drohnen vom Frachter
Der Rauch von heute ist dünn. Draußen regnet es, das Café unter der Redaktion summt, Kim singt etwas auf Koreanisch, das ich nicht verstehe und das trotzdem tröstet, weil es nichts mit der Welt da draußen zu tun hat. Aber das hier tröstet nicht. Das hier riecht nach Salpeter und nach dem Irrtum der Mächtigen, die glauben, man könne einen Kontinent vom Deck eines Frachters aus umdrehen wie einen nassen Mantel.
US-Geheimdienste haben gewarnt. Italien, Spanien, Frankreich – drei Länder, drei Wahlkämpfe im kommenden Jahr, ein gemeinsamer Feind: Russland plant Drohnenschläge im Mittelmeer, gestartet von Handelsschiffen. So steht es in einem Bericht der spanischen Zeitung El Mundo, den die halbe Welt gerade aufgreift, als hätte sie es seit Jahren geahnt und nur auf den passenden Moment gewartet. Der Moment ist jetzt.
Die Idee ist so simpel wie hässlich. Ein Frachter fährt aufs offene Meer, trägt Dutzende kleiner UAVs an Bord, schleust sie an Zoll und Patrouille vorbei, weil Handelsschiffe niemanden etwas angehen – so will es das Völkerrecht, und so nutzt es jeder, der kann. Dann, irgendwann, nachts oder im Morgengrauen: Katapultstart. Lunchbox-große Geräte, so heißt es. Gerbera-Drohnen, Einwegangriffskörper, billig zu bauen, leicht zu transportieren, entwickelt für die ukrainische Front und jetzt offenbar für den Westen umetikettiert. Was in Charkiw funktioniert, soll in Marseille, in Rom, in Madrid funktionieren. Die Geografie ändert sich. Die Logik bleibt.
Italien. Spanien. Frankreich. Alle drei haben Wahlen 2027 – so schreibt es Novaya Gazeta, und es klingt beinahe zu ordentlich, als hätte jemand den Kalender gewälzt und drei Kreuze gemacht. Alle drei stehen unter Druck, der sich in Schichten türmt wie schmutziges Geschirr nach einer Schicht im Hafen.
Spanien besonders. Das Land erträgt mehrere Schläge gleichzeitig, weil das Schicksal manchmal denkt, es sei ein Boxer im Ring. Der Krieg in der Ukraine, der jeden Energiepreis nach oben zieht und jeden Hafen in eine Zielscheibe verwandelt. Eine Wohnungskrise, die junge Leute in Podencos verwandelt – sie bellen, aber sie beißen nicht, weil sie keine Wohnung haben, in der das Bellen stört. Die vorgezogenen Wahlen, die niemand wollte und die jetzt alle führen müssen. Und Marokko, das an Ceuta zerrt, dieser Stadt, die wie ein vergessener Zahn im Mund Afrikas sitzt und an der sich zwei Reiche die Zähne ausbeißen. Wer hier noch den Überblick behält, hat zu viel Freizeit oder zu wenig Verstand. Ich lasse das im Raum stehen.
Frankreich weniger Stress? Die Quellen widersprechen sich, und das ist schon die zweite Nachricht in einer Woche. Die eine sagt, der US-Geheimdienst habe Paris gewarnt, offiziell, brieflich, mit Stempel. Die andere bestreitet es, höflich, ohne Stempel. Was bleibt, ist das Echo: nichts Konkretes, viel Geräusch. So klingt Geheimdienst, wenn er sich selbst zuhört.
Italien, die Stiefelspitze im Wasser, die sich seit jeher als Brücke versteht – von Rom nach Tunis, von Venedig nach Tripolis – soll ausgerechnet sie jetzt zur Bühne werden? Ein Frachter mit Lunchboxen, gestartet wie ein verspätetes Telegramm aus dem vorigen Jahrhundert, nur dass diesmal der Empfänger schreit statt liest.
Dann die Sache mit Pjöngjang. Quelle A sagt: Russland hat Jet-Drohnen-Technologie mit Nordkorea geteilt, brüderlich, im Geist der geteilten Langeweile. Quelle B sagt: Keine Beweise, kein Lächeln, keine Spur. Beide sitzen im selben Raum und hören einander nicht zu. Auch das ist ein Muster. Auch das ist ein Bericht.
Und noch etwas, das keiner erwähnt, weil es zu langweilig klingt, bis es zu spät ist: Moskau lässt sich Zeit mit neuen Botschaftern in London und Paris. Kein Grund zur Eile, sagt der Kreml. Was nicht da ist, kann nicht zitiert werden. Was nicht zitiert wird, kann nicht beleidigen. So sieht Diplomatie aus, wenn sie aufgehört hat, Diplomatie zu sein.
Die Ukraine schießt derweil Shaheds mit neuen Interzeptoren vom Himmel – Spielzeuge für ein altes Spiel, jedes einzelne davon teurer als ein Einfamilienhaus in Sevilla. Jedes Mal, wenn Kiew eine Drohne erledigt, lernt Russland dazu. Die Lunchbox wird zum Briefkasten. Der Briefkasten zur Waffe. Die Waffe zur Gewohnheit. Die Gewohnheit zur Doktrin. Und die Doktrin irgendwann zum Frühstück auf dem Deck eines Frachters, irgendwo zwischen Cartagena und Algier.
Frachter gibt es genug im Mittelmeer. Container, Öl, Getreide, Lügen, die sich in den Bilanzen verstecken wie Ratten im Korn. Wer kontrolliert die Decks? Niemand. Wer zählt die Lunchboxen? Niemand. Wer prüft die Container in Tanger, in Piräus? Niemand mit dem Mut, es zuzugeben. Wer glaubt, dass 1937 vorbei ist und dass die See vergisst, soll weiter Bourbon trinken und die Hand an der Heizung lassen.
Kim singt noch immer. Der Regen klopft an die Scheibe wie ein Bittsteller. Und irgendwo fährt ein Schiff mit einem Namen, den wir morgen googeln werden, weil heute keiner den Mut hat, ihn auszusprechen.
❖ Ende des Artikels ❖
