ÖFB 2028: SCHÖTTELS STILLE UND HANS' LAUTE RECHNUNG
Die Redaktion riecht nach kaltem Kaffee und nasser Straße. Irgendwo schlägt eine Tür. Die Schreibmaschine klappert ihren eigenen Rhythmus, und Kim unten im Café singt etwas, das nach Abschied klingt. Wien schickt wieder einmal einen Mann nach Hause, der es nicht kommen sah.
Peter Schöttel, 59, ist raus beim Österreichischen Fußball-Bund. Sportdirektor – ein Titel, der nach Macht klingt und nach Bürokratie schmeckt. Er selbst sagt, er sei „überrascht" gewesen. Überraschung ist ein höfliches Wort dafür, dass man es geahnt, aber nicht hingesehen hat. Wie der Mieter, der die Räumungsklage im Briefkasten findet und drei Tage lang so tut, als wäre nichts.
Hinter den Kulissen – dem Ort, an dem Karrieren enden und Gerüchte beginnen – heißt es: Sein Führungsstil war viele Jahre angenehm. Angenehm. Ein Wort wie ein weicher Sessel in einem Haus, das gerade zwangsversteigert wird. Im derzeitigen Strategieprozess fehlten ihm Präsenz und Durchsetzungskraft. Schöttel selbst winkt ab. Er habe im ÖFB viele andere Aufgaben gehabt. Die Ausrede eines Mannes, der so beschäftigt war, dass er nicht merkte, wie man ihm den Stuhl unter dem Hintern wegzieht.
Die Wiener Zeitung schreibt, der ÖFB habe Glück im Unglück gehabt. Rangnick riss das Ruder an sich, und Schöttel ließ ihn gewähren. Kein eitler Machtmensch, der Ideen nur behindert, weil sie nicht auf seinem Mist gewachsen sind. Vielleicht genau das sein größter Verdienst. Vielleicht genau das sein Problem. Im Fußball wie im alten Rom frisst Bescheidenheit die eigene Karriere. Schöttel ließ gewähren. Das ist nobel. Das ist auch tödlich.
Der Verband blickt nach vorn. Das klingt nach Aufbruch und riecht nach Marketing. 2028 steht vor der Tür – eine Heim-EM, eine Weltmeisterschaft, irgendetwas mit Fahnen und Trikots. Der Aufsichtsrats-Vorsitzende muss noch weiter denken, über die nächste Legislaturperiode hinaus, über die Teenager, die jetzt in den Nachwuchsakademien kicken und einmal den Ball treten sollen, den Schöttel nicht mehr erreichen wird. Österreichs Fußball muss vorausblicken. Ein Satz, der auf Grabsteinen und in Pressemitteilungen gleich gut funktioniert.
Während in Wien einer gehen muss, gibt anderswo einer auf. Der Künstler Hans verkauft sein Ferienhaus. Steigende Abgaben, politische Unsicherheit – die übliche Mischung, die aus Träumen Bilanzen macht. Ein Haus am See, vielleicht. Eine Terrasse, von der man den Sonnenuntergang über dem Wasser sehen konnte. Jetzt ein Inserat auf einem Portal, das niemand mehr liest. Steuererhöhungen, die sich anfühlen wie kleine, präzise Messer. Hans macht keine große Sache daraus. Werbung wäre unklug. Also schweigt er, und das Haus findet einen neuen Besitzer. Irgendeinen, der es sich noch leisten kann.
In der Schweiz spielt zur selben Zeit eine andere Musik. Anna Rossinelli – fünfzehn Jahre nach dem ESC 2011, als die Schweiz noch glaubte, ein bisschen Glitzer könne alles ändern – muss ihren größten Hit loslassen. Man stelle sich das vor: Fünfzehn Jahre lang begleitet einen ein Lied. Es läuft im Radio, auf Hochzeiten, in Erinnerungen. Und dann verlangt das Leben, dass man es freigibt. Wie ein Haus, das man nicht mehr halten kann. Wie einen Posten, den man nicht mehr ausfüllen will. Es gibt ein Muster in diesen Geschichten, auch wenn es niemand laut ausspricht. Die Dinge, die uns tragen, werden uns irgendwann zu schwer.
Dann ist da Hans Werder. Eine Million investiert in die EU-Debatte. Kein Haus, kein Lied, kein Fußballplatz – nur Worte. Geld, das in Argumente fließt, in Podiumsdiskussionen, in Zeitungsanzeigen, die zwischen den Aufgeregtheiten der Welt ihre Wirkung entfalten sollen. Vielleicht die ehrlichste Währung, die noch übrig ist, wenn alles andere den Besitzer wechselt.
Source A – nennen wir ihn den Pragmatiker – sagt, die Schweiz solle sich auf die großen Fragen konzentrieren. Source B – der Zyniker, wahrscheinlich – sagt: Tut sie nicht. Dazwischen liegt ein Land, das seine Hits verliert, seine Häuser verkauft und sein Geld in Reden investiert, die niemand hört. Oder alle hören und niemand gehorcht. Das ist der alte Trick.
Die Schreibmaschine klickt weiter. Kim unten singt jetzt ein anderes Lied. Irgendwo in Wien räumt ein 59-Jähriger seinen Schreibtisch. Irgendwo an einem See steht ein Haus zum Verkauf, und der Makler fotografiert es bei schlechtem Wetter, damit es ehrlich aussieht. 2028 ist noch nah genug, um Angst zu machen, und fern genug, um weiter Pläne zu schmieden.
Morgen früh wissen wir mehr. Oder wir wissen wieder nur, dass die Rechnungen noch da sind, wenn die Lieder längst verklungen sind.
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