Himmel über Moskau voller Drohnen, Boden in Polen voller Fragen
Moskau, die alte Hauptstadt der Zaren, der Bolschewiken, der Aufpasser und der Pappmaché-Größen, lag gestern Nacht unter einem Summen, das kein Ohr mehr hören wollte. Vierhundert. Nicht vier. Nicht vierzig. Mehr als vierhundert ukrainische Drohnen, zumeist über Nacht geschickt, zielten auf die Region der Hauptstadt, auf den Kreml, auf den Bürgermeister Sobjanin persönlich. Sobjanin spricht von Rekord. Sobjanin spricht immer von Rekord, wenn die Wölkchen über seinem Schreibtisch dichter werden.
Ehe der Kreml den Brummton zählt, eine andere Zahl: mehr als 390. So sprach Sobjanin am Montagabend. So spricht der Mann, der eine Stadt verwaltet, die seit dem Mittelalter nicht mehr so klein dagestanden hat wie in dieser Nacht — klein vor dem Himmel, der ihr von Kiew geschenkt wurde.
Ich sage: die Mathematik dieses Krieges ist so simpel wie ein Abzählreim aus der Sandkiste. Jemand baut eine Drohne. Dann baut er zweihundert. Dann baut er vierhundert. Dann ist der Himmel über einer Stadt mit dreizehn Millionen Seelen ein Bienenstock aus Plastik und Sprengstoff. Die Frauen auf dem Balkon gucken hoch und zählen mit. Die Kinder in der Schule lernen, was ihre Großväter in Schützengräben gelernt haben: das Geräusch erkennt man erst, wenn es zu spät ist.
Eine andere Zahl: acht. Acht Tote durch russische Angriffe in der Ukraine. Namen werden keine genannt. Die Tribune druckt keine Namen, weil die Agenturen keine liefern, weil die Agenturen keine bekommen, weil die Wirklichkeit dort zwischen Augenblicken funktioniert, nicht zwischen Bürokratie. Kiew beklagt die Angriffe. Moskau schweigt. Wir schreiben es auf, wie man die Miete aufschreibt, ohne sie zu verstehen.
Eine Rakete. Eine einzige Rakete. Russisch. Sie schlug in Polen ein. Einfach so. Wie ein Stein aus heiterem Himmel. Polen, das zwischen zwei Welten liegt wie eine Serviette zwischen zwei Tellern, schickte F-16-Jagdflugzeuge auf. Die Piloten, die nie wissen, ob sie schießen sollen oder nur gucken, flogen hoch und flogen wieder runter und wissen bis heute nicht, ob sie Soldaten waren oder Statisten in einem Stück, das niemand bestellt hat.
Polen weiß nie, ob Krieg ist oder Versehen. Polen fragt seit 1939 nach. Damals schlug auch etwas ein, damals fragten die Flugzeuge auch, und die Antwort kam in Form von Panzern. Heute kommt die Antwort in Form von Pressemitteilungen. Der Leser soll den Sachverhalt verstehen, sagen die Stimmen in den Hauptstädten. Der Leser versteht den Sachverhalt nicht. Der Leser versteht nur, dass er wieder nicht schläft.
Und während Warschau nicht schläft, hat Deutschland jemanden festgenommen. Wegen einer Starlink-Station in Polen. Satellitenfunk, die unsichtbaren Antennen, die den Ukrainern das Internet bringen, damit sie weiter summen können, weiter summen und weiter vierhundertmal summen und weiter einmal jedes Mal über Moskau. Jemand hat eine dieser Stationen in Polen zerstört. Jemand sitzt jetzt in Deutschland in Untersuchungshaft. Tauschhandel. Ware gegen Ware. Die alten Römer haben dafür den Hafen von Ostia gebaut und Brücken über die Donau geschlagen. Wir bauen Haft in Deutschland und schreiben davon in den Zeitungen.
Die Bilanz dieser Nacht: in Moskau vierhundertmal Brummen, in der Ukraine achtmal Schweigen, in Deutschland einmal Verhaftung. Der Kreml sagt Rekord, Warschau sagt Frage, Berlin sagt Haft. Alle sagen anders, alle meinen dasselbe: dass der Krieg noch nicht das Abendland ist, aber er kommt näher. Wie damals, als die Börse fiel und die Suppenküchen voll waren. Mit Schritten. Aber er steigt höher. Mit jedem Summen.
Sobjanin wird morgen wieder sprechen. Tatsächlich. Der Leser wird morgen wieder lesen. Tatsächlich. Und ich werde morgen wieder schreiben. Tatsächlich. Bis die Tinte ausgeht oder die Welt, je nachdem, was billiger ist.
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