Wenn der Himmel weint, bricht der Beton
Istanbul, eine Stadt mit fünfzehn Millionen Seelen, achtzehn Prozent der türkischen Bevölkerung, hat dieser Tage einen Rekord aufgestellt, der in keinem Sportteil steht: Es hat geregnet. Viel. So viel, dass die Meteorologen ihre alten Karten verbrannten und neue zeichneten. Die Ursachen — warmes Wasser über dem Schwarzen Meer, kalte Luft aus dem Balkan, feuchte Winde, die niemand kommen sah — klingen nach einem Rezept für Tee, nicht für eine Katastrophe. Aber das Rezept hat funktioniert. Und was darunter lag, hat nicht gehalten.
Ein Experte, zitiert von der Daily Sabah, sagt es ohne Umschweife: Es war nicht der Regen. Es war die Infrastruktur. Die Kanalisation, die es in vielen Vierteln Istanbuls nur auf dem Papier gibt. Die Bauwerke, die ohne Rücksicht auf Wassermassen in den Himmel gewachsen sind. Die Stadt, die sich Megacity nennt — und ein Fundament, das bei der ersten richtigen Prüfung wegsackt wie nasses Brot. Schon 2019 musste sich Bürgermeister Ekrem İmamoğlu für sein zögerliches Krisenmanagement vorwerfen lassen. Beim nächsten großen Regen wieder dasselbe Bild: überflutete Keller, blockierte Straßen, eine Feuerwehr, die mit dem Wasser kämpfte statt mit dem Feuer. Die Stadt hat nicht verlernt zu wachsen. Sie hat verlernt, sich zu erinnern, wo der Grund aufhört.
Man muss den Ingenieur nichts fragen, um zu wissen, was er antworten würde: Eine Mauer, die vorher schon morsch war, bricht beim ersten Sturm.
Schalten wir um. Nepal. Am achtundzwanzigsten August gibt ein Berg im Himalaja nach, Eis und Gestein brechen talwärts, ein Sturzbach walzt durch Täler. Die Flut tötet mehr als vierzehnhundert Menschen. Tausende werden noch vermisst. Die nationale Katastrophenbehörde zählt mit, was keine Behörde zählen will: 2,7 Milliarden Dollar Sachschaden und wirtschaftlicher Verlust. 4,8 Milliarden Dollar, wenn man Wiederaufbau und Sanierung dazurechnet. So die Analyse von Carbon Brief.
Nepal stellt einen Antrag beim UN-Fonds für klimabedingte Schäden, dem „Loss and Damage Fund", 2023 eingerichtet nach Jahrzehnten Kampf klimagefährdeter Staaten. Zwanzig Millionen Dollar. Das ist die maximale Einzelsumme, die der Fonds derzeit hergibt. Es macht Nepal zum viertgrößten Antragsteller — ein Rang, der nichts zu feiern hat.
Zwanzig Millionen. Gegen 2,7 Milliarden. Das sind null Komma sieben Prozent. Null Komma drei Prozent, wenn man den Wiederaufbau mitzählt. Eine Zahl, die nach Buchhaltung schmeckt und nach Hungersnot.
Raju Pandit Chhetri, Nepals Klimaunterhändler, sagt es ruhig, fast höflich: „Dieses Geld wäre eine Erdnuss, wenn man es in den Wiederaufbau investieren würde."
Inzwischen haben verwundbare Staaten einhundertsechsundsiebzig Anträge gestellt. Gesamtsumme: 2,8 Milliarden Dollar. Was die entwickelten Staaten bisher zugesagt haben: null Komma acht Milliarden. Drei Mal mehr Anfragen als Zusagen. Und ausgezahlt? Bisher: nichts. Kein Cent, der einen Haufen Erde, eine Familie, einen Markt trockengelegt hätte.
Die Diskrepanz zwischen den beiden Städten ist kein Vergleich. Sie ist eine Diagnose. Istanbul ist groß und strukturschwach, eine Metropole, die auf Sand gebaut wurde und es weiß, aber nicht handelt. Nepal ist klein, arm, und stemmt eine Rechnung, die es nicht einmal aufschlagen kann. Beide leiden unter dem Himmel. Beide leiden mehr unter sich selbst.
Das Ereignis ist nie die Ursache. Es ist das Symptom. Der Konflikt steht zwischen dem Menschen und seinem eigenen, maroden Bauwerk — ob dieses Bauwerk aus Beton besteht oder aus internationalen Kassen.
Draußen regnet es. Drinnen riecht es nach Bourbon und Druckerschwärze. Und irgendwo zwischen Bosporus und Himalaja schreibt jemand einen Scheck, der nicht reicht, und jemand einen Bebauungsplan, der nicht hält.
Wer zahlt den Rest?
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