Sanaa zerschlagen, Riad zerfetzt, Aramco in Flammen
Dreiundzwanzig Uhr Redaktionszeit, Bourbon in der Kaffeetasse, und die Welt brennt wieder einmal an zu vielen Stellen gleichzeitig. Wer noch behauptet, das hier sei ein regionaler Konflikt, der soll mir erklären, warum in Riad Hochhausfenster bersten, warum in Dhahran das Herz eines Ölkonzerns Feuer fängt und warum in Washington und Tel Aviv über neue Schläge gegen Teheran geredet wird. Regional. Klar.
Ansar Allah hat in der Nacht zugeschlagen – wieder einmal. Eine "hochwertige militärische Operation", nennen sie es selbst, und bescheiden waren die Jungs nie. Ballistische Raketen, Marschflugkörper, Drohnen. Ziele: das Aramco-Gelände in Dhahran in der Ostprovinz, der internationale Flughafen König Khalid in Riad, die Aramco-Raffinerie in Riad. Die Erklärung folgte auf das, was die Huthis als 2.281 saudische Luftangriffe und Raketen auf ihre Hauptstadt Sanaa und die von ihnen gehaltenen Gouvernements seit Beginn der Eskalation zählen. Mathematik des Schreckens, beidseitig.
Riad meldet, man habe abgefangen. Zwei Drohnen, vier Marschflugkörper, eine ballistische Rakete Richtung Hauptstadt, eine ballistische Richtung Dhahran, ein Marschflugkörper Richtung Al-Kharj. Die saudische Zivilschutzbehörde spricht von einer verletzten Person durch Trümmer einer abgefangenen Rakete. Die staatliche Nachrichtenagentur SPA zeigt Bilder: ein beschädigtes Gebäude, ein Fahrzeug mit einem zylindrischen Objekt – vermutlich ein Raketenteil – in der Motorhaube. Schöne Pressearbeit. Die Splitter erzählen mehr als die Stellungnahmen.
Dann kam Reuters mit dem, was die Saudis anfangs nicht zugeben wollten. Der Schaden am Aramco-Hauptquartier in Dhahran vom Dienstag war erheblich größer als zunächst dargestellt. Drei Quellen mit direkter Kenntnis sprechen von "erheblichem Schaden", ein Feuer, das sich über mehrere Etagen ausbreitete. Brandherd: neunte Etage des Südflügels. Ausbreitung: zwischen sechster und zehnter Etage. Die obersten drei Etagen – dort sitzt das Büro von Aramco-Chef Amin Nasser – laut Quellen schwer beschädigt, "Teile der Decke eingestürzt, Fenster und Türen herausgesprengt". Zwei Quellen sagen, der Betrieb laufe normal, mancher Mitarbeiter wurde nach Hause geschickt. Eine vierte berichtet, einige Funktionen seien in globale Büros verlagert worden, das Feuer habe bis in die frühen Morgenstunden des Mittwochs gebrannt.
58 Quadratkilometer Fläche. 11.000 Menschen. Eine Schaltzentrale für Onshore- und Offshore-Bohrinseln, Raffinerien, Exportterminals, Tausende Kilometer Pipeline. Das ist kein Bürohaus. Das ist das Nervensystem eines Staates, der den Weltmarkt mit Öl versorgt. Wenn dieses Nervensystem anfängt zu glühen, kippt irgendwo ein Preis, zittert eine Börse, fragt ein Tankerkapitän in der Meerenge, ob er noch fahren soll.
Im Jemen selbst geht das Töten weiter. Ansar Allah zählt 42 saudische Luftangriffe und Raketen binnen 24 Stunden auf Sanaa, die Gouvernements Taiz, Lahj, Marib, Amran und die Insel Mayun. Im Südwesten – Ras al-Ara, Al-Madaribah – bleiben saudische Koalitionskräfte unter Druck. Das Schema kennt jeder, der diesen Krieg über Jahre verfolgt hat. Nur das Niveau ist ein anderes.
Die Warnung der Huthis an alle internationalen Reedereien, Zivilisten und Arbeiter in den angegriffenen Einrichtungen, diese "legitimierten Ziele" sofort zu verlassen, gehört in die Schublade "Verschärfung". Belagerung um Belagerung, Eskalation um Eskalation – so ihre Gleichung. Saudi-Arabien und die Huthis haben am Dienstag gegenseitig mit Vergeltung gedroht. Die Worte werden härter, weil die Waffen es längst sind.
Draußen am Meer, in der Meerenge von Hormuz, geht die Rechnung auf, vor der jeder Reeder Albträume hat. Weitere Schiffe getroffen. Der Chef der iranischen Revolutionsgarden-Marine ist, so unsere Quellen, "un Geduldig", US-Kriegsschiffe zu versenken. Das ist die Sprache, die man benutzt, wenn man zeigen will, dass man meint, was man sagt. Ob er es meint, werden wir bald wissen. Oder wir werden es nicht wissen, weil zu viel Rauch im Weg ist.
Und während die Bomben zwischen Riad und Sanaa hin- und herfliegen, sitzen andere in Hinterzimmern und rechnen nach. Israel und die USA, so melden es mehrere Quellen, haben über die Möglichkeit erneuter Angriffe auf den Iran gesprochen. Vor den israelischen Parlamentswahlen. Das ist die eine Variable, die alles andere zur Fußnote macht. Denn wenn Washington und Tel Aviv sich entschließen, in dieser Lage noch eine zweite Front gegen Teheran zu öffnen, ist "regional" nur noch ein anderes Wort für Weltenbrand.
Wir hatten einmal eine Zeit, da nannte man so etwas Weltkrieg. Damals fing es auch klein an. Ein Schuss in einer Stadt, die keiner kannte. Heute fängt es mit einem Feuer im neunten Stock eines Ölkonzerns an, und die Welt schaut zu, wie das Licht hinter zerbrochenen Fenstern flackert. Die Kameras laufen. Die Analysten reden. In der Meerenge, durch die ein Drittel des verschifften Öls passt, wartet jemand, der ungeduldig ist. Morgen wird es neue Zahlen geben. Wetten werden keine angenommen.
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