Beschlagnahmt: Hamburg greift nach den Zeit-Bändern
Es riecht nach kalter Asche und nasser Wolle. Die Kaffeemaschine röchelt ihr Morgenlied, und Kim unten im Café singt heute nicht. Heute ist nicht singen.
Heute beschlagnahmt das Hamburger Landgericht Tonaufnahmen einer Journalistin der „Zeit" – Aufnahmen mit den Kindern von Christina Block. Hunderte Stunden Material. Hunderte Stunden Stimmen, Pausen, Geschichten, die kein Reporter schreibt, ohne sie zu atmen.
Stellen Sie sich das vor, werter Leser. Ein Gericht greift nach den Bändern einer Zeitung. Nicht nach einem vergammelten Keller voller Daten. Nach den Mikrofonen einer der letzten Institutionen, die in diesem Land noch den Mund aufmacht. Das Landgericht Hamburg – dieselbe Stadt, die Pressefreiheit erfand und gleich wieder maßregelte. Hamburg und sein langer Schatten.
Die Staatsanwaltschaft will Beweise. Das Gericht hält die Tonaufnahmen für potenziell relevant im Entführungsfall Block. Potenziell. Dieses Wort wiegt schwer. Es wiegt wie eine Handvoll Sand auf einer Briefwaage – wenig, aber genug, um die Waage zu kippen.
Und was sagt die „Zeit"? Sie sagt das einzig Vernünftige: Wir erkennen an, dass das Material Beweise enthalten könnte – und wir wehren uns trotzdem gegen den Beschluss. Ein Widerspruch? Ja. Ein notwendiger. Denn eine Zeitung, die ihre Quellen ohne Widerspruch herausrückt, ist keine Zeitung mehr. Sie ist ein Stenografenblock mit Briefkopf.
Hier sitzt der Skorpion im Schuh. Hier beginnt das, wofür die Römer keinen Namen hatten, weil sie es zu oft selbst taten: die schleichende Entwaffnung der Vierten Gewalt. Pressefreiheit, das war einmal ein Wort mit Kanten. Heute ist es ein Wort mit Aktenzeichen. Anders als in den Schützengräben, in denen die Wahrheit wenigstens noch eine Granate war, wird sie hier in Ordnern verscharrt.
Hunderte Stunden Tonmaterial – das klingt erst nach einem Hilfsmittel für die Wahrheit. Aber was, werter Leser, wenn unter diesen Stunden Stimmen sind, die nie wieder vor ein Mikrofon gehen? Was, wenn die Kinder, die einer Journalistin ihre Geschichte erzählt haben, jetzt erfahren, dass jede Silbe Beweis sein kann? Was wird aus dem Quellenschutz, der nicht den Verlag schützt, sondern die Traurigen, die nichts mehr zu verlieren haben als ihr Vertrauen?
Die Frage ist so simpel, dass sie nach Vergangenheit riecht: Wem gehören die Worte, die jemand einer Journalistin anvertraut? Der Zeitung? Der Öffentlichkeit? Dem Gericht, das in seinem gepflegten Amtssaal über Aktenzeichen brütet?
Der Block-Prozess bindet die Republik seit Monaten. Eine wohlhabende Frau, deren Kinder verschwanden. Ein Urteil, das Fragen aufwarf. Ein Verfahren, das nach jedem Aktendatum neue Schlagzeilen gebar. Wenn jetzt die Bänder einer Journalistin in den Beweismittelschrank wandern, dann wandert auch ein Stück Pressefreiheit mit hinein. Ganz offiziell. Ganz gerichtlich.
Ich sage nicht, dass die Richter Unrecht tun. Ich sage, dass sie in einem Revier jagen, das ihnen nicht gehört. Pressefreiheit ist kein Jagdgrund der Justiz. Sie ist das letzte Weideland, das die Öffentlichkeit noch hat.
Hamburg bleibt Hamburg. Auch heute die Stadt, in der eine Staatsanwaltschaft hundert Stunden Stimmen in einen Aktenkoffer packt und vor die Schranken des Block-Prozesses zieht. Was dort herausfällt – Beweis oder Skandal –, das wird das Urteil nicht entscheiden. Das Urteil hat die Justiz längst gesprochen. Über sich selbst.
Kim unten im Café hat jetzt doch zu singen angefangen. Leise. Als hätte sie Angst, dass jemand mithört.
Das ist der Ton, in dem Quellen verstummen.
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