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16. Oktober 2026

Dossier · Klimawandel

Der El Niño, der fünfzig Millionen tötete, steht wieder vor der Tür

16. Oktober 2026 — — Doc Brenner, irgendwo im Staub

Die Erde hat ein Gedächtnis. Sie vergisst nichts. Und sie wiederholt sich, wenn niemand zuhört.

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Wir haben einen El Niño dieser Stärke zuletzt in den 1870er Jahren erlebt. Damals, im Jahr 1877, fraßen Dürren und Hungersnöte etwa drei Prozent der damaligen Weltbevölkerung. Zwischen dreißig und sechzig Millionen Menschen starben in Asien und Südamerika in dieser einen spätviktorianischen Hungersnot — einer Serie von Katastrophen, die von Forschern bis heute als die schlimmste Umweltkatastrophe eingestuft wird, die die Menschheit je getroffen hat.

Jetzt formt sich der nächste. Über dem östlichen Pazifik bauen sich Wassertemperaturen auf, wie sie seit anderthalb Jahrhunderten nicht mehr gemessen wurden. Die Schlagzeilen der Forschung tragen Titel wie: "Letztes Mal hat ein El Niño dieser Stärke fünfzig Millionen getötet." Oder, schlichter, mit der kühlen Stimme der Forschung: "Ein starker El Niño formt sich. Wenn die Geschichte ein Leitfaden ist, wird er hart zuschlagen."

Was El Niño tut, ist bekannt. Er verschiebt das warme Wasser im Pazifik nach Osten und mit ihm die großen Bänder des Regens. In Teilen Amerikas wird es in der Folge nasser — die Anden leuchten grün, während die Atlantikküste seltener Hurrikane sieht. Das Phänomen unterdrückt die atlantische Hurrikansaison, weil es die Windscherung erhöht und Stürme zerreißt, bevor sie reifen können. Süd- und Südostasien, Australien und das südliche Afrika dagegen trocknen aus. Das ist keine Wahrscheinlichkeit. Das ist der Rhythmus, den die Atmosphäre seit Jahrhunderten schlägt, gleichförmig, ohne Ansehen der Zivilisation, die gerade auf ihr wohnt.

Für die Wissenschaft ist die Parallele kein Rätsel, sondern eine Rechenaufgabe. Die Vorzeichen stehen klar am Himmel. Wer 1877 studiert, liest das Drehbuch der kommenden Monate. Die Frage ist nicht mehr, ob es schlimm wird. Die Frage ist, wie schnell die Hilfe dort ankommt, wo der Regen aufhört.

1899, keine zwei Jahrzehnte nach 1877, schlug dieser Rhythmus erneut zu. Auf einen weiteren starken El Niño folgte die schlimmste hydrologische Dürre, die in Indien je dokumentiert wurde. Die Felder rissen auf wie ausgetrocknete Haut. Das Wasser verschwand aus Brunnen, die seit Menschengedenken gefüllt gewesen waren. Die Menschen starben leise, in Dörfern, die auf keiner Karte verzeichnet waren. Es war die gleiche Handschrift der Atmosphäre, nur eine Generation später. Wer heute die Archive jener Jahre aufschlägt, riecht den Staub noch zwischen den Zeilen.

In diesem Sommer nun brennt Indonesien. Vier Menschen sind bei der Bekämpfung der schlimmsten Waldbrände seit über einem Jahrzehnt gestorben. Der Rauch stand als toxische Dunstwand über Sumatra und Borneo, vergiftete Atemwege, schloss Schulen, ließ Mittag zu Abenddämmerung werden. Die Torfböden, die normalerweise im Wasser stehen, lagen offen wie trockener Zunder. Es war derselbe Boden, den eine ausbleibende Regenzeit pulverisiert hat.

Die Modelle rechnen. Die Ozeanographen vergleichen. Die Regierungen in Jakarta, Neu-Delhi, Canberra, Maputo und Pretoria verfolgen die Druckverteilung über dem Pazifik wie Ärzte die Fieberkurve. Niemand kann einen El Niño aufhalten. Niemand hat das je gekonnt. Man kann sich nur vorbereiten — auf das Wasser, das kommen wird, und auf das Wasser, das ausbleiben wird. Frühwarnsysteme werden hochgefahren, Getreidereserven werden gezählt, Löschflugzeuge werden an die Ränder der Trockenzonen verlegt. Alles ist Routine. Routine, die aus den Toten von 1877 gelernt wurde.

Die Erde schreibt nicht zurück. Sie wiederholt nur.

Das Wasser folgt seinen eigenen Gesetzen.

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