Die Schnecke im Aktenschrank
Es gibt Wesen, die Straßen blockieren, Häuser fressen und Gehirnwürmer verbreiten. Die Natur hat sie mit einer Schleimspur ausgestattet, die jeden Fortschritt zähflüssig macht. Man nennt sie Nine-Inch Snails, und sie sehen aus wie eine Karikatur dessen, was Fortbewegung sein könnte.
In Pennsylvania gibt es ein anderes Tier, das genauso funktioniert. Es hat keinen Panzer und keine Fühler. Es trägt einen Anzug, sitzt in einem Büro in Delaware County und lässt Mandanten in Gefängnissen verrotten, während es Akten sortiert, die niemals beim Richter ankommen. Scott Galloway gehört dazu.
Im Jahr 2020, sieben Jahre nachdem ihm ein Fall zugewiesen worden war, schrieb Galloway dem Richter, er sei noch dabei, Zeugen zu befragen. Er brauche mehr Zeit. Es war die zweiunddreißigste Fristverlängerung. Sein Mandant wartete seit acht Jahren auf einen Antrag, der ihm vielleicht die Freiheit bringen konnte.
Nolan O'Neal war zwanzig, als ihn die Polizei in Chester verhaftete. Vier Augenzeugen hatten ihn als Mörder identifiziert. Bei der Verhandlung 2005 widerriefen alle vier. Sie sagten, die Polizei habe sie unter Druck gesetzt.
Das half ihm nichts. O'Neal wanderte ins Gefängnis. Er behauptete seine Unschuld. Irgendwann, nach acht Jahren, bekam er einen Anwalt.
Es wurde nicht besser.
Die Gesetzesstelle heißt Post Conviction Relief Act. Sie öffnet einen schmalen Spalt zur Freiheit, wenn ein Anwalt neue Beweise findet oder nachweist, dass vorherige Verteidiger den Fall vermurkst haben. Dafür braucht es Zeit, Akteneinsicht, Zeugen, Ausdauer.
Neun Jahre brauchte Galloway, bis er ein zwei Seiten langes Gesuch einreichte. Einundvierzig Fristverlängerungen hatte er sich genehmigen lassen. Eine einzige erfolglose Akteneinsicht. Das Gesuch behandelte nur eines der vielen Probleme, die O'Neal hatte klären lassen wollen.
Es reichte nicht. O'Neal bekam keinen Tag vor Gericht. Heute sitzt er in der State Correctional Institution Chester und besucht seine Schwester Erin, wann immer es die Anstalt erlaubt.
Pennsylvania verspricht seit über fünfzig Jahren jedem, der eine unfaire Verhandlung geltend macht, einen wirksamen postkonviktionellen Rechtsbeistand, unabhängig vom Einkommen. Das ist mehr, als die meisten US-Bundesstaaten nach einem rechtskräftigen Urteil bieten.
Pennsylvania hat wenig getan, um dieses Versprechen einzuhalten.
Das System beruht auf Pauschalhonoraren, einer Struktur, die in anderen Bundesstaaten verboten ist. Anwälte wie Galloway nehmen Dutzende Fälle an, kassieren eine Flatrate pro Mandant, und niemand prüft, ob sie ihre Arbeit tun. Die Mandanten sitzen. Die Akten verstauben. Die Anwälte verschwinden in einer Schleimspur aus Verlängerungsanträgen.
Dazu kommt eine Praxis, die ProPublica und der Philadelphia Inquirer bereits dokumentiert haben: das Einreichen sogenannter Finley-Schreiben, in denen der eigene Anwalt dem Richter empfiehlt, die Ansprüche seines Mandanten abzulehnen, oft mit Verweis auf fehlende Erfolgsaussichten, obwohl er den Inhalt kaum geprüft hat. In Philadelphia wurden danach Dutzende Verurteilungen gekippt, weil die Anwälte genau die Probleme übersehen oder verworfen hatten, die später zur Aufhebung führten.
Die Schnecke ist das Tier, das niemand bemerkt, bis das Mauerwerk bröckelt. Sie kommt nachts. Sie hinterlässt eine Spur, aber niemand wischt sie weg, weil niemand hinschaut. Sie trägt Parasiten in sich, die das Nervensystem des Hauses befallen.
Sie ist kein Einzelfall. Sie ist ein Materialfehler.
Nolan O'Neal wartet weiter. Die Akte liegt irgendwo zwischen Stapeln. Die Zeit läuft, auch wenn sie still zu stehen scheint.
ProPublica hat diesen Fall jetzt dokumentiert, unter dem Titel: „He Waited Nine Years in Prison for His Lawyer to File a Single Brief. In This State, There's No Rule Against It."
Neun Zoll. Neun Jahre. Eine Schnecke, die den halben Staat auffrisst, während alle wegsehen.
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