Rom ermittelt gegen Katz und zwölf Offiziere
Die Sache ist nicht länger ein Aufeinandertreffen zwischen Aktivisten und Grenzschützern auf hoher See. Die Sache ist ein Strafverfahren. Und sie reicht bis ganz oben in die Befehlskette.
Roms Staatsanwälte haben den israelischen Verteidigungsminister Israel Katz und zwölf weitere hochrangige Offiziere aus Militär, Polizei und Strafvollzug unter Ermittlungsverdacht gestellt. Die Vorwürfe: Folter, Entführung, Körperverletzung, Raub und Sachbeschädigung. Verübt an italienischen Bürgern, die im Herbst 2025 und im Frühjahr 2026 auf zwei Missionen der Global Sumud Flotilla festgenommen wurden.
Fünfzig Italiener haben Anzeige erstattet. Die erste Flottille lief im September 2025 mit 42 Booten und 462 Aktivisten von Barcelona aus und wurde Anfang Oktober in internationalen Gewässern abgefangen. Die zweite startete im April 2026, wurde ab Ende April vor Kreta gestoppt und endete Mitte Mai vor Zypern mit etwa 430 Festgenommenen auf rund 50 Schiffen.
Was die Festgenommen berichten, liest sich wie ein Polizeibericht aus einer Zeit, in der Folter keine Straftat war, sondern eine Technik. Nach der ersten Mission: Schläge, Verletzungen, Todesdrohungen, Beschimpfungen, Terrorismusvorwürfe. Nach der zweiten: Schläge im Dunkeln, Elektroschockpistolen, Gummigeschosse. Mindestens fünfzehn Fälle sexueller Übergriffe, darunter Vergewaltigung. Der italienische Ökonom Luca Poggi sagte im Mai zu Reuters: "Wir wurden entkleidet, zu Boden geworfen, getreten."
Es sind Vorwürfe. Keine Urteile. In Italien bedeutet die Stellung unter Ermittlungsverdacht keine Schuldvermutung, keine automatische Anklage. Aber wer auf der Liste steht, steht auf der Liste. Neben Katz steht Generalstabschef Eyal Zamir. Zwölf Namen. Militär, Polizei, Vollzug. Die Befehlskette der Operationen, soweit die Ermittler sie rekonstruieren konnten.
Die Ausweitung der Untersuchung ist die eigentliche Nachricht. Anfangs kreiste sie nur um Itamar Ben-Gvir, den rechtsextremen Minister für nationale Sicherheit. Ben-Gvir hatte ein Video veröffentlicht, das ihn zeigt, wie er gefesselte, kniende Aktivisten verhöhnt, während die israelische Nationalhymne im Hintergrund spielt. Italiens Außenminister Antonio Tajani bestellte daraufhin den israelischen Botschafter ein und verlangte eine Entschuldigung. Ben-Gvir wies die Ermittlung im Juni zurück und kündigte an, weiterhin "stolz an der Seite unserer Kämpfer" zu stehen.
Die Römer Staatsanwälte haben im Juni ein Rechtshilfeersuchen nach Israel geschickt. Eine Antwort aus Jerusalem: nicht bekannt. Was öffentlich ist — die Italiener haben bei Eurojust, der europäischen Justizbehörde in Den Haag, mit anderen Ländern gesprochen. Ähnliche Ermittlungen laufen in ungenannten Hauptstädten, in dieselbe Richtung.
Die juristische Grundlage ist alt und unbestritten. Nach italienischem Recht können Verbrechen im Ausland gegen italienische Staatsbürger in Rom verfolgt werden. Folter ist ein solches Verbrechen. Rom hat zugehört. Rom hat Namen notiert. Jetzt wartet Rom auf eine Antwort aus einer Hauptstadt, die bisher geschwiegen hat.
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