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Terminal Tribune

18. Oktober 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

DRONES ÜBER DEM SCHLAF

18. Oktober 2026 — Morrison, over and out.

Krasnogorsk, westlicher Rand von Moskau, 24. Oktober 2026. Kurz nach Mitternacht schlägt eine ukrainische Drohne in einen Wohnblock ein. Eine Überwachungskamera nimmt den Einschlag auf — grelles Aufblitzen, das den Hof für einen halben Augenblick taghell macht, dann Rauch, der die Fassade schwarz zeichnet. Danach nur noch das Klirren von Glasscherben und das Bellen der Hunde im Hof. Gouverneur Andrey Vorobyow bestätigt den Treffer am Morgen. Rettungsdienste und Polizei rücken an. Rund siebzig Menschen werden aus dem beschädigten Haus evakuiert. Mehrere werden verletzt, sagt er. Tote gibt es keine.

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Es ist der vorläufige Einschlag in einer Kampagne, die den Speckgürtel rund um die Hauptstadt seit Monaten nicht loslässt. Im Juni traf eine Drohne erstmals den Wohnkomplex Novye Kotelniki in Kotelniki, einer Trabantenstadt südöstlich von Moskau — ein Hochhaus, hell verputzt, mit Spielplätzen davor, Aufzug, Tiefgarage. Am 20. September dasselbe Haus, ein zweiter Einschlag in eine Fassade, die den ersten noch nicht verwunden hatte. Offiziell keine Toten. Inoffiziell: Bewohner, die nicht mehr durchschlafen, und Türen, die nachts offen bleiben, als müsste der Fluchtweg schon bereitliegen. Die Reparaturen, die nach dem Juni-Treffer begonnen wurden, dauern an. Wer durch die Halle geht, sieht Planen, Gerüste und mit Sperrholz vernagelte Fenster. Wer oben wohnt, sieht eine Wand, die nicht mehr ihm gehört.

Die Angriffe kommen in Wellen. Die Wellen werden dichter. Am 13. Oktober fliegen 417 ukrainische Drohnen in Richtung der Region Moskau — manche Bestandsaufnahmen sprechen von knapp 400, weil die Luftabwehr begonnen hatte, die Schwärme in der Dunkelheit auseinanderzurechnen. Am Tag darauf, dem 14. Oktober, sind es 493. Wer in solchen Nächten auf dem Balkon steht und nach oben schaut, hört sie zuerst — ein fernes, gleichmäßiges Summen, das lauter wird, weil der Himmel zu klein ist für alles, was da kommt. Die Flugabwehr arbeitet, bis die Munition ausgeht. Was durchkommt, entscheidet die Schwerkraft.

In Krasnogorsk entschied sie sich für ein Wohnhaus. Andrej Worobjow spricht von mehreren Verletzten — Zahlen, keine Namen, ein Inventar wie aus einem Lagerbericht. Das ist die Sprache solcher Nächte: sachlich, knapp, ohne Urteil. Die Bewohner sagen, sie hätten sich an die Sirenen gewöhnt. Woran auch sonst. An den Einschlag nicht. Wer den Knall hörte, lief auf die Straße, weg vom Haus. Wohin denn. Wer in dieser Sekunde an den Schutzraum denkt, denkt eine Sekunde zu lang.

Was hier passiert, sieht man am besten auf einer Karte, die mit Linien übersät ist. Zerstreuung statt Konzentration. Viele kleine Nadelstiche, viele kleine Brände, viele kleine Wunden an Orten, die nicht Frontstadt heißen, sondern Vorort, Mietshaus, Parkhaus. Wer den Belagerer nicht in offener Feldschlacht schlagen kann, der trägt den Krieg in seine Vorstädte. Das spätrömische Reich kannte das auch, als die Legionen schrumpften und die Mauern nicht mehr reichten. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Sie variiert.

Für die Leute in Novye Kotelniki ist das eine Frage, die sie nicht stellen wollen. Sie warten auf die Handwerker. Sie warten, dass die Fenster wieder ganz werden. Sie warten, dass ihr Haus aufhört, Nachricht zu sein. Bis dahin wohnen sie zwischen Bauzäunen und zwei Erinnerungen — einer Juninacht und einem Septembermorgen —, in denen derselbe Himmel dasselbe Haus traf.

Was bleibt am Ende? Eine Stadt, die nachts gelernt hat, nach oben zu schauen.

❖ Ende des Artikels ❖

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