Frankreichs Regierung macht die extreme Linke für die Gewalt verantwortlich
PARIS. Schwarzer Rauch hing am Samstagabend über den Champs-Élysées. Eingeschlagene Schaufenster, geplünderte Geschäfte, brennende Verwaltungsgebäude. Videos aus Lyon zeigen Vermummte, die Polizeiketten durchbrechen. In Marseille stehen Bushaltestellen in Flammen. Die Bilanz, die das Innenministerium am Sonntagmorgen vorlegt, fällt nüchtern aus: über tausend Festnahmen in einer Nacht, landesweit.
Was als Proteste gegen steigende Lebenshaltungskosten und Kürzungen im Bildungsbereich begonnen hatte, war binnen Stunden zur Gewaltspirale geworden. Die französische Regierung macht die extreme Linke für die Eskalation verantwortlich. Innenministerium und Élysée sprachen von einer orchestrierten Aktion, gezielt angeheizt von politischen Akteuren am linken Rand. Premierminister sprach am Sonntag von eingeschleusten Schlägern und einer geplanten Eskalation.
Die Ausschreitungen trieben das Land in eine Krise, die Premier und Präsident Macron unter wachsenden Druck setzt. Französische Medien titeln am Morgen danach einhellig von beispielloser Gewalt. Die Regierung steht vor der Aufgabe, die Kontrolle über die eigenen Städte wiederherzustellen — und über die Erzählung dessen, was am Samstagabend geschah.
Am lautesten ertönt aus Washington ein Kommentar, der die ohnehin aufgeheizte Debatte weiter anheizt. US-Vizepräsident J.D. Vance wirft Europa seit langem eine zu lasche Migrationspolitik vor. In einer am Sonntag verbreiteten Stellungnahme diagnostiziert er für die Unruhen in Frankreich eine klare Ursache: Liberale hätten im Namen von Vielfalt und Mitgefühl eine Dritte Welt importiert. Die Gewalt sei die Rechnung dafür, dass Frankreich Generationen von Menschen aufgenommen habe, die sich nicht assimilierten.
Vance formuliert, was Teile der europäischen Rechte seit Tagen in Talkshows, Threads und Parlamentsdebatten wiederholen. Eine zeitgleich erschienene Analyse im Claremont Review of Books zieht den historischen Bogen weit: von der Schlacht bei Poitiers im achten Jahrhundert bis zum Algerienkrieg des zwanzigsten Jahrhunderts sei das Verhältnis zwischen Frankreich und seinen muslimischen Zuwanderern eine einzige Kette zivilisatorischer Reibungen. Wer heute von Intifada spreche, meine keine Metapher.
Die Berichte aus Paris selbst klingen in diese Richtung. Korrespondenten schildern Szenen, in denen marschierende Gruppen unter ausländischen Fahnen Parolen gegen Frankreich skandierten. Ein Video, das seit Samstagabend durch die Sozialen Netzwerke läuft, zeigt einen Vermummten, der in die Kamera ruft: Im Namen Allahs, wir können sie alle töten. Ob das Material authentisch ist, wie es einzuordnen ist, in welchem Kontext es entstand — darüber gehen die Bewertungen auseinander. Sicher ist nur, dass Bilder dieser Art in der aufgeheizten Stimmung ihre Wirkung nicht verfehlen.
Die Regierung in Paris hält sich an ihre Lesart: nicht Migration, nicht Identität, sondern die extreme Linke habe die Gewalt organisiert. Innenminister, Premier und Präsident verweisen auf organisatorische Strukturen, auf koordinierte Treffpunkte, auf aus dem Ausland angereiste Akteure. Die Opposition, auch jene am rechten Rand, wirft dem Innenministerium Versagen vor — bei der Kürzungspolitik, bei der polizeilichen Vorbereitung, beim Blick auf die Stadtteile, die seit Tagen unter Druck stehen.
Was bleibt, ist mehr als eine Pressekonferenz am Sonntagmorgen. Es ist die Frage, wohin ein Land steuert, das seine eigenen Straßen nicht mehr lesen kann. Der Schaden an Läden und Rathäusern lässt sich beziffern. Der Schaden an Vertrauen — zwischen Institutionen und Bürgern, zwischen Stadtteilen und Republik, zwischen Paris und dem, was sich Frankreich nennt — wird länger brauchen. Die Nacht von Samstag war laut. Der Sonntag fällt leise aus. Die Antworten, sie werden noch länger auf sich warten lassen.
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