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Terminal Tribune

18. Oktober 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Zwei Tote in Ras Issa. 1501 in Gaza. Niemand zählt mehr

18. Oktober 2026 — Morrison, over and out.

Saudische Flugzeuge haben am Ölterminal von Ras Issa, keine zwanzig Kilometer vor Hodeidah am Roten Meer, eine Ölfirma getroffen. Zwei Arbeiter tot. Zwei verletzt. Das Öl brennt. Schwarzer Rauch steht über dem Hafen wie ein Denkmal, das niemand bestellt hat. Das Wasser am Roten Meer glänzt an dieser Stelle schwarz statt blau.

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Hodeidah kennt den Frieden nur vom Hörensagen. Die Huthis halten den Norden, die international anerkannte Regierung den Süden, dazwischen verläuft eine Demarkationslinie, die niemand auf der Karte einzeichnet, weil sie sich beim nächsten Angriff ohnehin verschiebt. Vergeltung, sagen die einen. Versehen, sagen die anderen. Die Wahrheit liegt in der Regel dazwischen, also unsichtbar. Wer zahlt den Preis? Die üblichen Verdächtigen — Hafenarbeiter, Mechaniker, Nachtschicht.

Parallel, weil alles heute parallel läuft, füttern die Vereinten Nationen und das libanesische Gesundheitsministerium weiter die Archive. Israelische Streitkräfte haben seit dem sogenannten Waffenstillstand vom Oktober 2025 insgesamt 1501 Palästinenser getötet. Man setzt Waffenstillstand in Anführungszeichen, weil es das Einzige ist, was die Anführungszeichen noch halten — die Sätze selbst nicht mehr. Wer diesen Waffenstillstand unterschrieben hat, hat ihn längst vergessen. Wer unter ihm stirbt, hat ihn nie gekannt.

Beirut zählt nach. Das libanesische Gesundheitsministerium kommt auf 4386 Tote durch israelische Angriffe seit dem 2. März. Dieselben Akten, eine andere Zahl. Fast 9000 Tote seit Oktober 2023. Man könnte glauben, hier streiten sich die Buchhalter. Sie streiten nicht. Sie addieren nur weiter, Spalte um Spalte, bis die Spalten voll sind und überlaufen.

Zwei Tote in Ras Issa sind eine Meldung, die in zwei Tagen vergessen ist. 1501 Tote in Gaza unter dem Etikett eines Waffenstillstands sind eine Bilanz, die kein Gericht mehr annimmt. 4386 Tote im Libanon sind ein Archiv, das niemand öffnen will. 9000 Tote seit 2023, das ist eine Sprache, die zu sprechen niemand mehr wagt — aus diplomatischen Gründen, versteht sich. Diplo-Sprech für: wir haben uns arrangiert.

Man fragt sich, was eigentlich zählt. Die Namen? Niemand will sie hören. Die Ölmenge? Die wird gezählt, denn die Börsen reagieren auf Feuer in Pipelines, nicht auf Feuer in Häusern. Wer zuletzt eine Seite Zeitungsraum für einen Toten aus Ras Issa bekommt, lässt sich ausrechnen — und die Antwort ist: niemand. Wer zuletzt eine Seite für fünfzehnhundert Namen aus Gaza bekommt, erst recht nicht.

Hodeidah schmeckt nach Salz und nach altem Staub. Gaza riecht nach Beton, der zu Staub geworden ist. Beirut riecht nach nichts mehr, nur noch nach der nächsten Zahl in einer Liste, die niemand zu Ende liest. Ras Issa wird morgen nach Schwefel riechen, nach verbranntem Diesel und nach dem besonderen Geruch von Politik, die man lieber nicht beim Namen nennt.

Man könnte fragen, warum ausgerechnet saudische Jets eine Ölfirma im Hoheitsgebiet der Huthis treffen. Man könnte fragen, warum das niemanden überrascht. Man könnte auch fragen, was ein Waffenstillstand wert ist, der in Anführungszeichen steht. Aber Fragen, die keine Antworten finden, sind in dieser Branche kein Stoff — nur ein Bonus, den wir uns leisten, solange das Papier noch reicht.

Die Römer hätten sich das nicht geleistet. Die wenigstens hatten den Anstand, ihre Zahlen in Stein zu meißeln, damit sie stehen blieben. Wir drucken Zahlen auf Papier, das am nächsten Tag eingestampft wird. Die Bilanz ist nicht zu vergleichen — nur fortzuschreiben.

Öl brennt. Bomben fallen. Die Kameras schwenken weiter.

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