Frankreichs Schulen brennen — die Republik verhaftet ihre Kinder
Paris riecht nach Tränengas und nasser Asche. Vor den Schulen liegen Pflastersteine, zerrissene Rucksäcke, Plakate, die der Regen zu Brei schlägt. Innen warten leere Bänke, geschlossene Schultüren, Concierges, die ratlos in den Fluren stehen. 164 Festnahmen hat die Polizei gezählt. Dutzende Verletzte, darunter Jugendliche, zwölf Sicherheitskräfte und Mitglieder des Lehrpersonals. 416 Schulen waren am Tag X betroffen — von Blockaden, von Streiks, vom schieren Stillstand.
Was zum Teufel ist das für eine Republik, die ihre Schüler verhaftet, während die Schulen selbst verrotten?
Die Geschichte beginnt nicht am Dienstag. Die Geschichte beginnt in jenen Klassenzimmern, in denen die Heizung im Winter nicht anspringt, in denen das Dach tropft, in denen ein Aufseher fünfhundert Kinder bewacht, als wären sie Vieh auf einem Viehhof. Die Schüler protestieren gegen die Zustände an den Schulen — gegen genau diese Demütigung, tagtäglich, ohne Aussicht auf Besserung. Sie sagen, was ihnen keiner sagt. Sie gehen auf die Straße, weil das die einzige Sprache ist, die eine träge Verwaltung noch versteht.
Dann kippt die Szene. Die Menge wird zur Meute. Mülleimer brennen, Polizeiketten rücken vor, Schlagstöcke senken sich. Tränengas hängt über Boulevards, die nach Schulkindern riechen, nicht nach Barrikaden. Manche sehen in den ersten Reihen organisierte linksextreme Gruppen, die sich an die Wut anhängen wie Ratten an einen sterbenden Körper — Trittbrettfahrer mit Sturmhaube und Sprühdose. Andere schildern den Aufruhr als spontan, als reine Wut, geboren aus zu engen Räumen, zu langen Schikanen, zu vielen leeren Versprechen. Beides ist plausibel. Beides ist wahr. Beides ist nebensächlich, solange die Republik nicht erklärt, warum sie ihre Schulen verkommen lässt, bevor sie ihre Schüler verhaftet. Die Römer hätten die Empörung in die Arena verfrachtet. Die Große Depression hat sie geschluckt. Heute wird sie verhaftet.
Die Regierung antwortet, wie Regierungen immer antworten: mit Empörung. Man wirft Beteiligten vor, mit Blockaden und Gewalt Schüler und Lehrkräfte zu gefährden. Der Premier verurteilt die Gewalt — jedes Wort ein Hammerschlag auf den Tisch — und kündigt eine rigorose Strafverfolgung an. Man darf sich die Szene vorstellen: der Minister im grauen Anzug, die Kameras, die Erklärung auf schwerem Papier, die Hände, die sich formen wie zum Segen über ein gefallenes Land. Was fehlt, ist die Antwort auf die einzige Frage, die zählt: Was ist los mit unseren Schulen? Kein Wort darüber. Nicht eines.
Am Dienstag drohen weitere Aktionen. Parallel zum Streik im öffentlichen Dienst. Das heißt: Lehrer streiken, Schüler streiken, Richter streiken, Krankenpfleger streiken. Dasselbe Drehbuch, andere Bühne. Die Maschine läuft heiß, und alle Welt schaut zu, wie die Funken fliegen. Niemand fragt, wer den Treibstoff liefert.
Frankreich, im Kalender 1937, in den Zeitungen von heute. Das Land seiner Enkel brennt, und das Land seiner Urenkel wird es wieder tun. Die Republik schlägt zurück. Immer zurück. Nur wohin sie schlägt, das wechselt: gestern gegen Demonstranten, heute gegen Schüler, morgen gegen wen?
Eines bleibt sicher: Die Fenster, die jetzt in tausend Scherben liegen, hat vorher niemand repariert.
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