113 Papiere, kein Plan: Yerevan und das Schweigen der Anderen
Sie hat sich Zeit gelassen, die Erde. Sie baut ihre Wälder über Jahrtausende, ihre Böden über Jahrmillionen, ihre Korallenriffe über geologische Ewigkeiten. Sie schreibt kein Memo, wenn sie fertig ist. Sie verschickt keine Pressemitteilung. Sie hört einfach auf.
In Yerevan, wo sich nächste Woche die Vertragsstaaten der Biodiversitätskonvention zur COP17 treffen, werden wieder Mappen gewälzt, Zahlen verglichen, Sprechblasen ausgetauscht. Carbon Brief hat nachgezählt: 113 von 196 Vertragsstaaten haben mittlerweile einen nationalen Biodiversitätsplan vorgelegt, die sogenannten NBSAPs. 58 Prozent. Vor einem Jahr waren es 55. Der Trend zeigt nach oben, behaupten die Delegationen. Die Trendkurve zeigt nach oben, schreiben die Pressemitteilungen.
Die Erde interessiert keine Trendkurven.
Die Zahl, die in den Vordergrund gespült wird, ist eine Eingangsstatistik, keine Erfolgsmeldung. Vor der COP16 im Oktober 2024 hatten nur 15 Prozent der Staaten ihre Pläne fristgerecht eingereicht. Damals, zum Auftakt des Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework von 2022 mit seinen 23 Zielen für das Jahr 2030, hätten alle Papiere vorliegen sollen. Sie lagen nicht vor. Also einigte man sich auf einen neuen Text, der die Länder „dringend auffordert", ihre Pläne „so bald wie möglich" einzureichen. „So bald wie möglich" wurde in den vergangenen zwölf Monaten zu einer Welle von Nachreichungen — manche davon in großer Zahl, manche bis heute nicht.
Unter den Nachzüglern finden sich viele afrikanische Staaten: Algerien, Benin, Botswana, Kamerun, die Komoren, der Kongo, die Demokratische Republik Kongo, Ägypten, Äthiopien, Gabun, Gambia, Guinea, Lesotho, Liberia, Madagaskar, Malawi, Mali, Namibia, Ruanda, Senegal, Sierra Leone, Somalia, Sudan, Sambia und Simbabwe. Brasilien, das Land mit der größten Artenvielfalt der Erde, legte ebenso einen Plan vor wie das COP17-Gastgeberland Armenien im April. Belize, Chile, eine Reihe weiterer südamerikanischer Staaten folgten.
Es liest sich wie eine Erfolgsgeschichte, wenn man Erfolg an Papier misst.
Dabei ist die COP17 nicht nur ein weiterer Konferenztermin. Sie markiert die Halbzeit des globalen Biodiversitätsrahmens. Die Montrealer Vereinbarung von 2022 hat sich zum Ziel gesetzt, den Verlust der Vielfalt bis 2030 nicht nur zu stoppen, sondern umzukehren. Fünf Jahre sind vergangen. Die Zwischenbilanz fließt in einen globalen Bericht, den die Vereinten Nationen koordinieren und der sich auf die NBSAPs der Länder stützt. Die COP17 wird die erste globale Überprüfung sein.
Und genau hier beginnt das Schweigen, das lauter ist als jede Pressekonferenz.
Craig Bennett, Chef der Wildlife Trusts, hat es in einem einzigen Satz zusammengefasst, der nichts beschönigt: „Wenn wir in der Welt herumlaufen und anderen Ländern sagen, sie müssten diese Ziele erreichen, während wir selbst keinen Plan haben, wie wir sie zu Hause umsetzen — das ist eine Form des Neokolonialismus." Der Satz steht in einem Bericht der britischen Tageszeitung The Guardian kurz vor Beginn der Konferenz. Er richtet sich an keine bestimmte Regierung. Er richtet sich an alle, die den Mund voller Ziele nehmen, ohne dass irgendwo eine Karte liegt, auf der der Weg eingezeichnet ist.
Ein NBSAP, das ist die nüchterne Wahrheit, ist eine Absichtserklärung mit einem Titel. Er listet Biodiversitätsziele. Er beschreibt, was ein Land erreichen will. Er sagt in den seltensten Fällen, wie. Welche Gesetze geändert werden. Welche Flächen unter Schutz gestellt werden. Welche Subventionen gestrichen, welche Industrien reguliert, welche Flüsse freigegeben werden. Welche Kosten entstehen und wer sie trägt. Welche Fristen gelten und wer sie überwacht. Welche Sanktionen greifen, wenn das Papier seinen Zweck verfehlt.
In den Industriestaaten, die den Rahmen 2022 in Montreal unterschrieben haben und ihn jetzt in Yerevan überprüfen lassen wollen, ist diese Lücke am auffälligsten. Sie haben den Entwicklungsländern finanzielle Unterstützung zugesagt, damit diese ihre Schutzgebiete bezahlen können. Sie haben 23 Ziele mitgetragen. Sie haben im selben Atemzug nationale Aktionspläne versprochen, die viele bis heute nicht vorlegen können — oder wollen.
Die Liste der 113 Länder verschleiert die zweite Zahl: 83 Länder haben keinen Plan. Manche davon sind kleine Inselstaaten mit begrenzter Verwaltungskapazität, denen mit Geld und Technik geholfen werden müsste. Andere sind Industriestaaten, die seit Jahrzehnten über Biodiversität reden und seit Jahrzehnten Flächen asphaltieren, Flüsse verbauen, Moore trockenlegen, Hecken roden. Sie brauchen kein Geld. Sie brauchen den Mut, ihre eigenen Wirtschaftsweisen auf den Prüfstand zu stellen.
Die COP17 wird auch darüber verhandeln, ob die Halbzeitbilanz sichtbar wird. Ob die Länder ihre siebten nationalen Berichte vorlegen, die im Februar fällig waren und von denen ein großer Teil bis heute fehlt. Ob die Diskrepanz zwischen dem, was in Montreal unterschrieben wurde, und dem, was in den Hauptstädten tatsächlich passiert, überhaupt benannt wird. Oder ob sie, wie so oft, in vagen Formulierungen verschwindet, in Absichtserklärungen über Absichtserklärungen, in Arbeitsgruppen, die weiterarbeiten.
Die Erde wartet nicht. Sie kann nicht warten. Ihre Ökosysteme reagieren auf Zeitmaßstäbe, die keine Legislaturperiode kennen. Eine Wiese, die in dreißig Jahren wieder zu einem Halbtrockenrasen wird, braucht dreißig Jahre. Ein Wald, der zwei Jahrhunderte für seine Schichtung gebraucht hat, braucht zweihundert Jahre, bis er wieder das ist, was er war. Ein Korallenriff, das in einem Sommer kippt, kippt in einem Sommer.
Was in Yerevan fehlt, ist nicht eine weitere Erklärung. Was fehlt, ist die Bereitschaft, die eigenen Häuser so zu behandeln, wie man die Häuser der anderen behandeln will.
Was einmal ausgestorben ist, bleibt ausgestorben — auch für die nächste Halbzeit.
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