Urlaubsvideos als Spurenmaterial – was SpaceX auf Kreuzfahrtschiffen fand
Karibik, kurz nach Mitternacht. Ein Feuerball über dem Wasser. Dann ein Funkenregen, der vom Himmel fällt. Kein Filmschaffender hat das inszeniert. Touristen haben es aufgenommen. Mit Handys, vom Pool eines Club-Med-Resorts, vom Schiffsdeck einer Royal-Caribbean-Fähre, von Bord eines Disney-Kreuzers. Was als Urlaubserinnerung gedacht war, landete zwei Wochen später in einem Bericht, den SpaceX der US-Luftfahrtbehörde FAA vorlegte.
Ihr „Starship", Flug sieben, war irgendwo über der Karibik zerbrochen. Die Trümmer mussten gezählt, ihre Flugbahn nachvollzogen werden. Bei der Modellierung halfen keine firmeneigenen Sensoren. Die Augen, die zählten, gehörten Passagieren. Der Bericht, den das Recherchenetzwerk ProPublica über eine FOIA-Anfrage aus dem FAA-Archiv bekam, hält es fest: „Bei 1 Minute 42 Sekunden zieht die Trümmerwolke hinter dem Kreuzfahrtschiff vorbei."
Das ist die Banalität dieses Vorgangs. Wer im Januar an einer dieser Schiffsbars stand und nach oben filmte, hat Beweismaterial geliefert. Nicht vor Gericht, sondern für eine Bundesbehörde, die wissen muss, wo die Teile einer Milliardenrakete herunterkommen. Wer das wollte, hat es nicht unterschrieben. Wer das wusste, war die Passagierin mit dem Cocktail in der Hand wohl kaum.
Warum also Freizeitmaterial? Weil es etwas bietet, das keine bordeigene Black Box leistet: unabhängige Augen aus mehreren Blickwinkeln, zufällig verteilt, mit der Trümmerwolke im Bild. Eine Vielzahl gleichzeitiger, unkoordinierter Standorte, die zusammen mehr sehen als jede geplante Messstation. Wer in den Dreißigern einen Mord aufzuklären hatte, nahm die Aussagen der Nachbarn mit. Heute sind die Nachbarn Reisende auf einem Kreuzfahrtschiff, und die Nachbarschaft ist ein Stück Himmel über der Karibik.
Die Krux steckt im Eigentum der Bilder. Der Schnappschuss eines Urlaubers auf dem Sonnendeck ist seins, juristisch, bis er irgendwo geteilt wird. Wem gehört er, wenn er in einem FAA-Bericht auftaucht? Wer haftet, wenn seine Deutung eine Trümmerflugbahn verzerrt und eine Maschine vom Kurs abbringt? ProPublica hat nachgezählt und kam auf 21 Flugzeuge, die in den Minuten nach dem Kontaktverlust offenbar plötzlich abdrehten oder die Notfall-Sperrzone verließen. Diese Zahl steht nicht in den Filmen. Sie ist eine nachträgliche Rekonstruktion.
SpaceX erklärt, man sei während des Vorfalls mit der FAA in Verbindung gewesen, um mögliche Flugumleitungen abzustimmen. Unmittelbar nach dem Kontaktverlust seien keine Probleme gemeldet worden. Das ist die offizielle Lesart. Sie sagt, was gemeldet wurde. Was die 21 Maschinen gemacht haben, sagt sie nicht. Auch dass die Fluglotsen reagierten, sagt sie nicht. Erst die Auswertung der Aufnahmen hat das Bild zusammengesetzt.
Flug sieben und Flug acht des Starship sind im vergangenen Jahr über der Karibik auseinandergebrochen. Vor Flug neun hat die FAA die vorbeugenden Sperrzonen beinahe verdoppelt. Ein Luft- und Raumfahrtingenieur der Universität Texas sagt, eine solche Ausweitung mache nur Sinn, wenn der vorherige Sicherheitsabstand als unzureichend eingestuft worden sei, nicht nur als unglücklich. SpaceX hat beantragt, das Starship künftig bis zu 76-mal im Jahr von Cape Canaveral zu starten. Mit jedem weiteren Flug wird die Karibik mehr Testgelände und weniger Urlaubsziel.
Wer an Deck die Kamera zückt, wenn der Himmel glüht, leistet heute Spurenarbeit, bewusstlos, ohne Auftrag, ohne Bezahlung. Es ist die Fortsetzung einer langen Tradition. Die Römer hatten ihre Steinmeilen und Steuertabellen, die Nachkriegszeit hatte ihre Zeitungen mit Belohnungsannoncen, das Internet hat seine Foren, in denen jedes Detail landet. Heute ist das Detail ein zwölf Sekunden langes Video, gedreht von jemandem, der glaubte, er filmt nur die Aussicht.
Wer denkt, solches Material gehöre dem Touristen, hat recht. Wer glaubt, es bleibe immer beim Touristen, hat die Flugbahn einer Milliardenrakete nicht bedacht.
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