'Grobe Fahrlässigkeit' — und der Rauch von Borneo bleibt unbezahlbar
Pontianak, Westkalimantan. Die Luft hier schmeckt nach Asche und Phosphor, und wer atmet, zahlt. Am Mittwoch eröffnete vor dem Provinzgericht ein Verfahren, das in seiner Schärfe selten ist: Eine Sammelklage wirft der indonesischen Regierung — namentlich Präsident Prabowo Subianto und dem Gouverneur von Westkalimantan — „grobe Fahrlässigkeit" im Umgang mit den Waldbränden vor, die weite Teile Südostasiens in giftigen Dunst hüllen. Schulen geschlossen, Atemwege voll, eine Insel, die seit Wochen brennt.
Vier Kläger. Zehn Beklagte. Auf der Klägerseite steht ein Kapitel der indigenen NGO AMAN und der örtliche Zweig der Katholischen Jugend. Sie verlangen umfassende Sanierungs- und Rehabilitationsmaßnahmen, einschließlich der Übernahme von Gesundheitskosten für die Bevölkerung. Was auf dem Papier wie ein Verpflichtungskatalog klingt, sieht auf den Straßen von Pontianak anders aus: Schulen geschlossen, Hospitäler voll, eine Rechnung, die niemand vorlegt, weil niemand sie schuldet — und alle sie bezahlen.
Die Beklagten kamen nicht. Nicht der Präsident, nicht der Gouverneur, kein Anwalt der Regierung. Die Richter vertagten die Verhandlung auf den 21. Oktober. Klägeranwalt Glorio Sanen sprach von „Bedauern" und einer möglichen Erklärung: „Vielleicht hat dieser Haze sie daran gehindert, in Pontianak zu landen." Verständnisvoll. Höflich. Und genau jene Geste, die das System seit Jahren zeigt — Bedauern statt Handeln.
Was Borneo seit dem Sommer erlebt, ist kein Naturereignis. Es ist ein jährlich wiederkehrendes Geschäftsmodell. Brandrodung — „slash and burn" — schlägt Wald für Palmölplantagen um. Indonesien ist der größte Palmölproduzent der Welt. Dass die Feuer jedes Jahr aufflammen, ist keine Überraschung. Es ist die Kalkulation. Verschärft hat das diesjährige Inferno ein ungewöhnlich intensives El Niño, das den Boden trockener legte als gewöhnlich — die heftigste Feuersaison seit elf Jahren.
Die Regierung schickte das Militär. Versprach eine „crackdown". Was wie Entschlossenheit klingt, sieht vor Ort aus wie ein paar Hubschrauber über einer Fläche so groß wie die Niederlande. Der Feldzug gegen das Feuer verliert.
Acht Orang-Utans wurden gerettet. Drei Mutter-Kind-Paare, zwei Jungtiere. Neun Stunden über Land, Wasser, zu Fuß — in Sicherheit. Tierrettung als Pressebild. Notwendig, heroisch, und auf seine Weise entlarvend: Die Tiere brauchten einen Ausweg und bekamen ihn. Für die Menschen heißt der Ausweg: Klage einreichen.
Die giftige Wolke hat Borneo verlassen und liegt jetzt über Malaysia, Brunei, Singapur, zieht hinüber auf die Philippinen. Im malaysischen Bundesstaat Johor, direkt nördlich von Singapur, wurden Schulen für Donnerstag und Freitag geschlossen — zu schlecht die Luft zum Lernen. Die Regierung warnt, die Brände könnten bis November andauern. Elf Jahre seit der letzten vergleichbaren Krise. Genau jene Zeitspanne, in der die Hilfsgelder flossen, die Versprechen gezählt wurden, die Klimakonferenzen stattfanden. Was hat sich geändert? Der Präsident. Die Namen. Die Brandrodung? Läuft.
Die Klage sagt „grobe Fahrlässigkeit". Das ist das juristische Mindestmaß für ein Versagen, das jeden Herbst Kinder, Alte, Kranke in stickige Räume zwingt. Grob fahrlässig ist, wer die Brandrodung kennt und nicht verhindert. Wer Löschhubschrauber schickt und keine Verantwortlichen vor Gericht bringt. Wer „umfassende Rehabilitationsmaßnahmen" einklagen muss, weil sie von Amts wegen nie kommen.
Was bleibt, ist ein Bild, das der Rauch nur notdürftig tarnt: Die Abwesenden reden über das Wetter, das sie erzeugt haben. Das Gericht wartet auf Antworten, die bis November nicht kommen werden. Die Insel brennt weiter. Die Forderungen der Kläger — Sanierung, Gesundheitskosten, Schutz der bedrohten Orang-Utans — bleiben Forderungen ohne jede verbindliche Maßnahme. Bürger zahlen die Luft. Bürger zahlen die Behandlung. Bürger zahlen den Preis eines Systems, das sich für das Wetter entschuldigt, das es selbst angezündet hat.
Übermorgen werden die Kinder in Pontianak wieder über den Schulhof marschieren, im Dunst, im Gleichschritt. Die Fotografen werden da sein. Die Korrespondenten werden senden. Irgendwer wird tippen: „Lage unter Kontrolle."
Nein. Wird sie nicht.
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