FÜNFZIG GRUPPEN, EINE STRASSE — DAS NETZ HINTER FRANKREICHS JUGEND
Paris riecht nach Regen und verbranntem Papier. Wieder einmal. Die Schülerinnen und Schüler stehen auf den Boulevards, Hunderte, Tausende, und die Republik fragt sich: Was ist passiert mit den Klassenzimmern? Eine berechtigte Frage. Eine alte Frage. Aber nicht die einzige.
Frankreich erlebt eine der größten Schülermobilisierungen seit Jahrzehnten. Kaputte Heizungen, überfüllte Räume, fehlende Stellen, marode sanitäre Anlagen — die Republik streitet seit Jahren über ihr eigenes Bildungswesen. Das ist die Oberfläche, und die Oberfläche ist echt. Schülerproteste gehören seit 1968 zum festen Repertoire jeder Republik, die sich selbst ernst nimmt. Aber diesmal zappelt mehr auf dem Bildschirm als üblich. Diesmal steht mehr auf den Schildern.
Schauen wir genau hin. Auf den Demos flattern Hammer-und-Sichel-Flaggen. Banner rufen zum Klassenkrieg. Dahinter steht La Jeunesse Communists—COMMUNIST, eine Koordinierungsstelle kommunistischer Jugendarbeit, sichtbar zwischen den Schulhofplakaten. Die Gruppe macht keine Geheimnisse aus sich. Symbole, Parolen, Absprachen — alles liegt offen auf der Straße. Wer das liest, liest es richtig.
Die Solidarität kommt aus den eigenen Reihen. Die Union der Kommunistischen Jugend Frankreichs, UJC, erklärt am 5. Oktober ihre Unterstützung für die landesweiten Proteste, schwarz auf weiß, dokumentiert, nachprüfbar. Frankreich, so heißt es dort, erlebe einen der seltenen Momente, in denen eine ganze Generation aufsteht. Ob das ein Grund zum Feiern oder zum Weinen ist, hängt vom Standpunkt ab.
Und jetzt das Netz. Ein transnationales Netzwerk aus fünfzig Gruppen mobilisiert rund um die Schülerproteste. Nur ein Drittel davon sind Jugendorganisationen. Der Rest? Kommunistische Zellen, pro-palästinensische Aktivistennetzwerke, Verbindungen, deren Mitglieder in mehreren Hauptstädten gleichzeitig zu Hause sind. Die meisten Gruppen, die den französischen Schülerprotest verstärken, gehören zu einer breiteren internationalen Bewegung aus Kommunisten und pro-palästinensischen Aktivisten. Das ist keine anonyme Behauptung. Das ist die dokumentierte Landkarte, gezeichnet von denen, die selbst mitmarschieren.
Wer die Augen aufmacht, sieht die Überschneidungen. Wer die Augen zumacht, sieht nur die kaputten Schulgebäude. Beides stimmt. Aber wer von beidem spricht, ohne das andere zu erwähnen, lässt mindestens die Hälfte weg. Und wer das eine gegen das andere ausspielt, macht genau das Geschäft derjenigen, die von Spaltung leben.
Und dann das Video. Natürlich das Video. In den sozialen Medien kursiert eine Sequenz von Polizisten mit Schilden und Schlagstöcken, untertitelt mit dem Hinweis auf die jüngsten Proteste. Wer es teilt, vergisst zu prüfen. Das Material liegt seit mindestens März 2023 im Netz. Damals gingen die Franzosen gegen die Erhöhung des Rentenalters von 62 auf 64 auf die Straße. Es zeigt nicht die aktuellen Demonstrationen. Es zeigt ein anderes Frankreich, ein älteres Frankreich, das denselben Unmut kannte, aber gegen ein anderes Gesetz. Full Fact hat es nachgeprüft und das Urteil gesprochen: missing context. Wer es trotzdem weiterleitet, macht Stimmung gegen die eigenen Argumente.
Was bleibt? Eine Republik, die seit Jahrzehnten den Schlüssel zu ihren Klassenzimmern verloren zu haben scheint. Internationale Strukturen, die diesen Unmut aufgreifen, kanalisieren und mit eigenen Parolen aufladen. Und ein Internet, in dem jedes Bild von gestern als Beweis für morgen verkauft wird, solange die Wut stimmt.
Die Republik wird das überleben. Sie hat Schlimmeres überlebt. Die Frage ist nur, was von dieser Klasse übrig bleibt — und wessen Klasse danach gemeint ist.
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