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21. Oktober 2026

Dossier · Migration & Asyl

Brennende Rechenzentren, kalte Behauptung: Die Yandex-Story und die AfD-Bots

21. Oktober 2026 — M. Silber

Die Bilder sehen aus wie ein Tatort. Rauch steigt aus einem Rechenzentrum im russischen Kernland. Drohnen haben zugeschlagen. Was danach durch das Netz geistert, klingt so glatt, dass niemand mehr prüft: Die ukrainischen Angriffe auf Yandex hätten die AfD-Bots gekillt. Russische Einflussnahme – weniger. So einfach soll das sein.

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So einfach ist es nicht.

Yandex, das russische Google, betreibt mehr als nur eine Suchmaschine. Der Konzern liefert Cloud-Dienste, Kartendienste, Bezahlapps. Als ukrainische Drohnen in den vergangenen Tagen Rechenzentren trafen, brach der Datenverkehr ein. In Russland beschweren sich Menschen über ausgefallene Taxidienste, ausgefallene Liefer-Apps, ausgefallene Webseiten. Das ist bestätigt. Yandex' eigener Status-Monitor zeigt die Probleme. Russische Medien, das ZDF, internationale Reporternetzwerke – alle berichten. Soweit die Fakten.

Dann beginnt der Nebel.

Auf Threads, auf X, in etablierten Redaktionen verbreitet sich eine Erzählung: Der Rückgang rechter Social Bots, die angeblich die AfD fördern, sei eine Folge der Yandex-Angriffe. Ein grüner Stadtrat aus Berlin namens Robin Schlingheider verbreitet die These auf Threads. Ein konservativer tschechischer Europa-Abgeordneter namens Tomáš Zdechovský greift sie auf X auf. Medien wie Focus und Standard greifen sie auf. Ohne zu prüfen.

Die These zerbröselt bei der ersten Berührung mit Daten.

Belegt ist allein ein Rückgang des allgemeinen Bot-Traffic aus dem Autonomen System AS13238, das zu Yandex gehört. Cloudflare-Daten zeigen den Knick. Was die These nicht trägt: Der gesamte russische Bot-Traffic im Internet ist laut Cloudflare nicht deutlich heruntergegangen. Schon gar nicht in sozialen Medien, wo AfD-fördernde Bots operieren.

Denn ein Bot ist nicht gleich ein Bot.

Mit dem Wort Bot wird alles Mögliche gemeint. Suchmaschinen-Crawler, die das Netz durchforsten. Server-zu-Server-Kommunikation. KI-Anwendungen, die APIs abrufen. Bots, die nach Sicherheitslücken suchen. Mittlerweile macht nicht-menschlicher Traffic mehr als die Hälfte des gesamten Internetverkehrs aus. Wenn ein Yandex-Rechenzentrum ausfällt, fallen diese automatisierten Dienste aus. Das lässt sich messen. Cloudflare misst es.

Was sich nicht messen lässt, ist die spezifische Aktivität politischer Social Bots in deutschen Kommentarspalten. Diese Bots operieren nicht zwingend aus Rechenzentren, die auf Yandex-Karten liegen. Sie nutzen verteilte Infrastruktur. Drittländer. Cloud-Dienste in Frankfurt, Amsterdam, Helsinki. Sie tarnen sich als Mobilfunknutzer, als Wohnheimanschlüsse, als private Accounts.

Ein Drohnentreffer auf ein russisches Rechenzentrum trifft diese Bots nicht zwingend.

Die Zahl in den viralen Grafiken ist ein verzerrtes Bild. Sie misst den Gesamtverkehr eines Autonomen Systems. Sie sagt nichts über politische Wirksamkeit automatisierter Meinungsmache. Sie sagt nichts darüber, wer hinter den Accounts sitzt. Sie belegt eine Korrelation, die so nicht existiert.

Die externe Quelle, auf die sich die These stützt, ist eine einzige Grafik. Eine Visualisierung, die viral geht. Sie zeigt einen Knick in einer Kurve und erzählt eine Geschichte. Die Geschichte passt zur Erzählung. Die Erzählung passt zur Stimmung. Und die Stimmung passt zu einer gefährlichen Hoffnung: Dass Krieg die Mechanismen der Manipulation mittrifft.

Doch Belege? Eine Korrelation zwischen Yandex-Angriffen und dem Verhalten von Bots, die in deutschen Social-Media-Diskussionen für die AfD arbeiten, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht ableiten. Die einzige Quelle, die diese Verknüpfung herstellt, ist die Grafik selbst. Sie ist Beleg und Beweis zugleich – ein Zirkelschluss in Datenform. Eine rigorose Verifikation mit unabhängigen Datenquellen, mit Peer-Review, mit nachvollziehbaren Bot-Hashes – all das fehlt.

Was bleibt: Ein realer Angriff auf reale Infrastruktur. Ausgefallene Taxis, ausgefallene Lieferdienste, verunsicherte russische Bevölkerung. Das ist dokumentiert. Aber die Geschichte, die aus diesem Angriff gemacht wird, ist keine Aufklärung. Sie ist Projektion. Sie verwechselt Infrastruktur mit Ideologie. Sie nutzt ein reales Ereignis, um ein anderes zu erzählen.

Wer verstehen will, wie russische Einflussnahme auf deutsche Parteien funktioniert, muss genauer hinsehen. Welche Server? Welche Netzwerke? Welche Zeitkorrelationen? Welche Akteure? Eine einzelne Cloudflare-Grafik aus einem Autonomen System ist kein Beweis. Sie ist ein Anfang. Mehr nicht.

Bis die Verknüpfung sauber belegt ist, bleibt die These das, was sie war: heiße Luft über kalter Asche.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 2 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZAHL Rechenzentren von Yandex in Russland wurden angegriffen

    „ukrainischen Angriffen auf russische Rechenzentren“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZAHL Angriffe auf Yandex führten zu Ausfällen bei Taxi- und Lieferdiensten

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  3. ZAHL Drohnenangriffe auf Rechenzentren von Yandex führten zu einem Ausfall des Datenverkehrs

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  4. ZAHL Die Verbindung zwischen den Angriffen auf Yandex und der AfD ist nicht belegbar

    „lässt sich nicht belegen.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  5. ZAHL Der Bot-Rückgang

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

  • 3 weitere Quellen waren beim Schreiben nicht abrufbar

1 Quelle · 2 davon belegt · 3 externe Belege · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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