Eckige Klammern, offene Fronten: COP17 beginnt in Yerevan
Yerevan im Oktober. Über der Stadt liegt der Gerbstoff der Platanen, im Süden steht der Ararat als graue Silhouette am Himmel, und in den Hotels entfalten sich 196 Delegationen mit Koffern voller Positionspapiere. Sie kommen mit dem üblichen diplomatischen Gepäck: dem Glauben, dass sich Worte irgendwann in Taten verwandeln, wenn man nur genug Konferenzen hintereinander schaltet. Vom 19. bis 30. Oktober treffen sie sich in der armenischen Hauptstadt zur 17. Konferenz der Vertragsparteien des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt. Die Tagesordnung ist lang. Die Hoffnung ist kürzer.
Diese Konferenz markiert die Halbzeit. 2022 wurde beim COP15 das Kunming-Montreal-Rahmenwerk vereinbart, 23 Ziele, ausgerufen im Geist einer Dekade des Handelns. Die Zwischenbilanz, die die CBD selbst vorgelegt hat, fällt eindeutig aus: Bei 22 dieser 23 Ziele sind die Mitgliedsstaaten nicht auf Kurs. Eine Trefferquote, die in jedem anderen Wettbewerb zur Disqualifikation führen würde. Hier führt sie zur nächsten Konferenz.
COP17 ist die erste globale Überprüfung der Fortschritte. Ein Stresstest für das Abkommen, bevor die Uhr abläuft. Und die Verhandlungsentwürfe, die jetzt auf dem Tisch liegen, lesen sich wie das Protokoll eines Stresstests, der bereits begonnen hat.
Carbon Brief hat einen interaktiven Tracker veröffentlicht, der die Dutzenden Verhandlungstexte dokumentiert. Wer dort hineinschaut, sieht Zahlen. Die entscheidende Spalte zählt eckige Klammern – jene Zeichen, die im diplomatischen Jargon jede noch nicht geeinte Formulierung markieren. Die Farbcodierung reicht von dunkelgrün bei wenigen Klammern bis rot bei vielen. Dunkelgrün steht für Annäherung. Rot steht für Graben.
Es gibt noch ein zweites Signal, und es ist vielleicht verräterischer als jede Klammer. Manche Textpassagen bieten nicht eine Alternative zur Abstimmung an, sondern mehrere. Sie sind gekennzeichnet als „Options" oder „Alt" – Wahlmöglichkeiten, zwischen denen die Delegierten entscheiden können. Eine große Zahl solcher Optionen, heißt es in der Dokumentation des Trackers, sei oft ein Zeichen dafür, dass der Text einem hohen Maß an Uneinigkeit zwischen den Parteien unterliegt. Das ist der höfliche Satz. Der ungeschminkte lautet: Niemand weiß, wohin die Reise gehen soll.
So sieht Stillstand aus, wenn man ihn tippt. Die Römer schrieben ihre ersten Gesetze auf zwölf Tafeln. Versailles brauchte Monate. Diese Konferenz hat zwei Wochen. Sie wird nicht reichen.
Zwei Themen werden Yerevan dominieren. Die globale Bestandsaufnahme, die bewerten soll, was seit 2022 erreicht wurde – und Empfehlungen formulieren, um das Tempo zu erhöhen. Und das Geld. Aufgeteilt in zwei Unterfragen: Woher soll es kommen, und über welche Mechanismen soll es fließen? Das ist die alte Frage hinter jeder Umweltkonferenz, gestellt in immer neuen Konferenzräumen, beantwortet in immer denselben Kompromissformeln.
Parallel verhandeln die Parteien über die beiden Zusatzprotokolle der CBD: das Cartagena-Protokoll zur Biosicherheit, dem 173 Staaten angehören, und das Nagoya-Protokoll über den Zugang zu genetischen Ressourcen und den gerechten Vorteilsausgleich, mit 141. Drei Verhandlungsstränge, drei Konflikte, eine gemeinsame Leerstelle: die Kluft zwischen dem, was global vereinbart wird, und dem, was national umgesetzt werden kann.
Das institutionelle Gerüst, auf dem diese Konferenz ruht, ist selbst noch im Aufbau. Drei Nebenorgane liefern den Stoff: das Gremium für wissenschaftliche, technische und technologische Beratung, das Umsetzungsgremium, und das Gremium für Artikel 8(j), zuständig für indigene Völker und lokale Gemeinschaften – eingerichtet erst beim COP16 in Cali, Kolumbien, im Jahr 2024. Ein Kind der letzten Konferenz sitzt mit am Tisch der nächsten.
Wer sich während dieser zwei Wochen in die Green Zone begibt, kann das alles vergessen. Dort soll die Welt aussehen, wie sie sein könnte: Innovation, Nachhaltigkeit, Kultur, öffentliche Beteiligung, Ausstellungen, interaktive Erlebnisse. Grüne Kulisse, freundliche Botschaften, der Lifestyle der Lösung. Wer durch die Green Zone läuft, könnte meinen, die Probleme seien halb so groß. Wer die Klammern zählt, weiß: Sie sind doppelt so groß.
Die Zwischenbilanz steht. 22 von 23 Zielen verfehlt, ein Rahmenwerk auf Bewährung, und ein Verhandlungsdokument, dessen Rottöne verraten, was die Reden nicht sagen. In Yerevan wird nicht verhandelt. Es wird versucht, die Sprache so lange aufzuhalten, bis die Wirklichkeit sie eingeholt hat.
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