Doctoralia entfernt Tracker: Gesundheitsdaten als Werbeprofis
Die weltweit größte Plattform für Arzttermine, Doctoralia, hat ihre Web-Tracker entfernt beziehungsweise so verändert, dass sie keine personenbezogenen Informationen mehr sammeln. Anlass ist eine Untersuchung von The Markup und der brasilianischen Agentur Agência Pública. Sie zeigte, dass die Suche nach medizinischer Hilfe zur Datensammlung durch große Technologiekonzerne taugt.
Doctoralia bedient Millionen Menschen in Lateinamerika und Europa. Die Reporter fanden Tracker auf mehreren Domains in Brasilien, Kolumbien und Mexiko. Eine Suche nach einem Psychologen in São Paulo, der Name der gesuchten Fachperson und die Suchanfrage selbst wurden über eine Werbeplattform an Google übermittelt. In Kolumbien und Mexiko erreichten Terminangaben, darunter Datum und Uhrzeit, LinkedIn. Ähnliche Daten gingen an TikTok.
Patientennamen waren in den überprüften Daten nicht enthalten. Das macht die Übertragung nicht harmlos. Tracker arbeiten mit eindeutigen Kennungen, durch die sich Nutzerinnen und Nutzer ihren Profilen in sozialen Medien zuordnen lassen können. Eine medizinische Suchanfrage wird dadurch zur verknüpfbare Spur: Wer reproduktive Gesundheitsversorgung sucht, könnte schwanger sein oder ein Kind planen. Wer einen Strahlenspezialisten kontaktiert, könnte an Krebs erkrankt sein.
Die Unternehmen räumen ein, dass die Übermittlung personenbezogener Informationen einschließlich Gesundheitsdaten gegen ihre Nutzungsbedingungen verstößt. In der Praxis ist es wiederholt zu solchen Übertragungen gekommen. Die Daten fließen in Algorithmen, die Profile verfeinern und gezielte Werbung ermöglichen. Damit kontrollieren die Plattformen die Rohdaten, während Werbetreibende für die targeting genauer Zielgruppen bezahlen. Der Preis der Bequemlichkeit zahlen die Menschen, die Hilfe suchen: Sie verlieren die Kontrolle über einen besonders intimen Teil ihres Lebens.
Zuletzt waren die Tracker nach einer weiteren Prüfung des Webverkehrs entweder vollständig entfernt oder so verändert, dass sie keine personenbezogenen Informationen mehr sammelten. Wie lange sie auf den Doctoralia-Domains eingesetzt waren, bleibt unklar. Das Mutterunternehmen DocPlanner bestätigte die Änderungen per E-Mail. Sprecherin Arsenia Nikolaeva erklärte, nach dem vorangegangenen Bericht habe das Unternehmen eine gründliche interne Prüfung der verwendeten WerbemessTechnologien durchgeführt. Die Beobachtung endet also nicht mit einem Versprechen, sondern mit einer dokumentierten technischen Korrektur.
Der Doctoralia-Fall ist zugleich der Blick auf ein größeres System. The Markup und CalMatters setzten Blacklight, das Research- und Analysewerkzeug von The Markup, ein, um die Börsen für Krankenversicherungen in 19 US-Bundesstaaten und im District Columbia zu untersuchen. Dabei fanden sie vier weitere Bundesstaaten, die persönliche Gesundheitsdaten mit Big Tech teilten. Die dort eingesetzten Tracker sind äußerst verbreitet und kommen auch auf den beliebtesten Websites der Welt zum Einsatz.
Deshalb betrifft das Problem weit mehr als Arzttermine. Die Reporter fanden Tracker auf Websites, die Menschen nutzen, um sich auf ein Studium vorzubereiten, ihre Steuererklärung abzugeben, eine Hypothek zu beantragen oder einen psychischen Notfall zu melden. Ein unscheinbarer Code im Hintergrund verbindet damit die Suche nach Bildung mit der Suche nach Behandlung, mit Steuerfragen mit der Bitte um Hilfe. Dieselbe Infrastruktur, die Behördengänge und Formulare erleichtern soll, führt zusammen, was in verschiedenen Lebensbereichen getrennt bleiben sollte.
Für einzelne Nutzerinnen und Nutzer ist Abhilfe möglich: Tracker lassen sich im Browser blockieren, auch auf staatlich betriebenen Gesundheitsbörsen. The Markup und CalMatters haben dazu Anleitungen veröffentlicht. doch ein blockierter Browser in der eigenen Küche beendet keine Erhebung durch öffentliche Stellen und Plattformen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Doctoralia ein paar Codes entfernt hat. Sie lautet, wer die Daten staatlicher Portale und privater Dienste erhält, welche Profile daraus entstehen, wer an der gezielten Vermarktung verdient und wer die Folgen trägt. Solange diese Fragen nicht auf den Startseiten der Börsen stehen, bleibt die Bequemlichkeit nur die sichtbare Seite der Rechnung.
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