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24. Oktober 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Hunderte im Schatten, Hunderte vor den Toren

24. Oktober 2026 — Morrison, over and out.

Der Staat rüstet gegen Schatten. Im selben Sommer, in dem Sicherheitsbehörden den unsichtbaren Gegner in Datenräumen und Einflussnetzwerken suchen, stehen Menschen vor Flughäfen und verlangen, dass sichtbare Gewalt verschwindet. Zwei Szenarien. Zwei Arten der Krise. Und ein Staat, der in beiden Fällen behauptet, die Lage zu kennen.

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Mitte Juni eröffneten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Verfassungsschutz-Chef Sinan Selen das Gemeinsame Abwehrzentrum Hybrid, kurz GAZH. Es soll verdeckte Angriffe aus Ländern wie Russland, China oder Iran abwehren. Im Visier stehen laut den Statuten nicht nur Sabotage und Spionage, sondern auch Desinformation, Zersetzung, Staatsterror und Repression.

CORRECTIV konnte interne Papiere des Zentrums einsehen. Für 2026 verzeichnen sie Hunderte Fälle möglicher hybrider Angriffe. In Dutzenden Fällen wurden Ermittlungen oder Vorermittlungen eingeleitet. Das Lagebild des Bundeskriminalamts, das Vorfälle aus mehreren Wochen im Juli und August zusammenfasst, nennt bis zum 19. August zudem 163 Sabotageverdachtsfälle. Betroffen waren unter anderem Bahnanlagen, Bundeswehreinrichtungen, Umspannwerke, Energieinfrastruktur, Funkmasten und Verwaltungsbehörden. Hinzu kommen 1.034 Drohnenüberflüge über kritischen Infrastrukturen, militärischen Einrichtungen und Rüstungsunternehmen.

Verdacht ist noch kein Schuldspruch. Ebenso wenig beweisen die Zahlen, dass hinter jedem Fall staatliche Akteure standen. Für die Behörden genügt offenbar ein dünnner Faden, der irgendwo nach Moskau, Peking oder Teheran führen könnte. Dutzende Stränge werden gezogen. Jeder einzelne kann sich als harmlos erweisen. Zusammen erzeugen sie das Bild eines Staates unter Dauerbeobachtung.

Die Arbeit hinter diesem Bild ist aufwendig. In die Lagebilder fließen Informationen des Generalbundesanwalts, des Bundesnachrichtendiensts, des Militärischen Abschirmdienstes, des Zollkriminalamts, des Bundesamts für Verfassungsschutz, des Bundeskriminalamts sowie der 16 Landesverfassungsschutzämter und 16 Landeskriminalämter ein. Ein Dutzend Aktenstücke, Dutzend Zuständigkeiten, ein Lagebild, das laufend nachgeführt wird. Der unsichtbare Gegner lebt in Daten, Verbünden und möglichen Angriffsplänen. Wer ihn bekämpfen will, braucht selbst fast so viele Informationen, Pläne und Spezialisten, wie der Gegner vermutet vorsieht.

Draußen, wo Flughafenlicht über Gepäckwagen fällt und Durchsagen die Räume zerschneiden, wird der Staat wesentlich konkreter. Bei einem bundesweiten Aktionstag demonstrierten Menschen an mehreren deutschen Flughäfen gegen Abschiebehaft und Abschiebeflüge. Die Polizei schätzte in Leipzig rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, in Frankfurt am Main rund 300 und in Berlin-Brandenburg rund 150. An den Flughäfen Köln/Bonn und Düsseldorf waren es jeweils etwa 50. Das Aktionsbündnis ging von höheren Zahlen aus.

Die Proteste richteten sich gegen die Abschiebung abgelehnter Asylsuchender, gegen Abschiebehaft und gegen den Ausbau entsprechender Infrastruktur. In Leipzig standen Charterflüge nach Afghanistan im Mittelpunkt. In Frankfurt ging es zudem um ein geplantes Abschiebeterminal. Gefordert wurde ein sofortiger Abschiebestopp. Statt Geld für Abschiebungen auszugeben, solle es in Integration fließen. Noch in München und Hannover waren Demonstrationen angekündigt.

Das ist kein Randprogramm, sondern ein sichtbarer Aufstand gegen die Macht des Staates, Menschen festzuhalten und fortzuschicken. Zwischen Abflugtafeln, Megafonen und Polizeifunk stehen Menschen, die nicht auf eine future file warten. Sie sind selbst der、思 Protest. Sie fordern Rechte, die auf Papier bestehen.

Und hier beginnt die Falle. Ausgerechnet in dem Land, das sich gegen Saboteure und hybride Einflussoperationen rüstet, wird der eigene Zugriff auf AsylSuchende mit Polizei, Flugplänen und Verwaltungsapparat organisiert. Das GAZH sucht nach einem verborgenen Gegner. Am Flughafen braucht dieser Gegner keinen Namen: Er hat einen Ausweis, ein Ticket oder einen Haftbefehl.

Zwischen den beiden Szenarien liegt kein Beleg für eine Verbindung zwischen ausländischen Angreifern und den Protesten. Keine der vorliegenden Quellen stützt einen geheimen Plan, eine gemeinsame Steuerung oder eine Einflussnahme auf die Demonstranten. Wer das behauptet, liefert dem Staat bequem die Brücke, die er braucht: Erst werden alle auffälligen Bewegungen zur Sicherheitsfrage, dann die Sicherheitspolitik zur Quelle des Ungehorsams.

Die Verbindung liegt zunächst in der institutionellen Asymmetrie. Für den unsichtbaren Gegner stehen Datenbanken, Lagezentren und ein dichtes Netz aus Behörden bereit. Für den sichtbaren Protest stehen Polizeibeamte, Abschiebebehörden und Fluggesellschaften. Der Staat kann beides zählen: Drohnenüberflüge, Sabotageverdacht, Demonstranten. Er kann auch beides verwalten. Die entscheidende Frage bleibt, ob er dabei die Wirklichkeit erkennt oder nur seine eigene Sorge.

Der Staat hat ein Lagebild. Die Frage ist, ob darin die Wirklichkeit steht oder nur die Angst des Staates.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 2 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZAHL Hunderte Angriffe auf Deutschland

    „Deutsche Sicherheitsbehörden registrierten in diesem Jahr Hunderte Fälle möglicher hybrider Angriffe aus Ländern wie Russland, China oder Iran.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZAHL Hunderte demonstrieren an Flughäfen in Deutschland

    „In Leipzig schätzte die Polizei die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf rund 400, in Frankfurt am Main auf rund 300 und in Berlin-Brandenburg auf rund 150.“ — wörtlich im Quelltext belegt

2 Quellen · 2 davon belegt · 0 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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