Die Hitze verbrennt, das Wasser vergiftet
Kalifornien kocht. Der Nationale Wetterdienst hat für Teile Südkaliforniens extreme Hitzewarnungen ausgegeben, Los Angeles eingeschlossen. Bis Donnerstag sollen die Temperaturen in den hohen 30er Grad Celsius erreichen. In Burbank wurden am Samstag 39 Grad gemessen, nur wenige Grad unter dem Oktoberrekord von 1987.
California is boiling. The National Weather Service has issued extreme heat warnings for parts of Southern California, including Los Angeles. Temperatures are expected to reach the upper 30s Celsius through Thursday. Burbank recorded 39 degrees Celsius on Saturday, just a few degrees below its October record from 1987.
Das ist die akute Nachricht. Die systemische liegt unter ihr: Ein beständiges Hochdruckgebiet hält das Wetter fest, erzeugt gefährliche Hitze und erhöht die Feuergefahr. Dazu kommt ein starkes El-Niño-Muster und ungewöhnlich hohe Wassertemperaturen im Pazifik. Kalifornien wird nicht von einem einzelnen heißen Tag gepeinigt. Die Atmosphäre schiebt sich in eine Lage, die niemand schnell verlassen kann.
Genau diese Beharrlichkeit macht die Lage gefährlich. Ein Tag im Bad ist lästig. Mehrere Tage ohne Abkühlung, mit brennender Sonne und zunehmender Feuergunst, sind eine Belastungsprobe für Körper, Infrastruktur und Nerven. Wer die Ursache nur in einer einzelnen Warnkarte sucht, verkennt den Mechanismus. Das Hochdruckgebiet ist der Griff. El Niño und die erhöhten Meerestemperaturen verstärken ihn.
Und dann kommt der Strand. Wer der Hitze entkommen will, wird nicht überall willkommen geheißen. Die Gesundheitsbehörde von Los Angeles County warnt an sechs benannten Stränden beziehungsweise Strandabschnitten vor erhöhten Bakterienwerten. Betroffen sind Santa Monica Beach, Paradise Cove, Redondo Beach, Venice Beach, Topanga County Beach und Manhattan Beach. Die Beanstandungen reichen je nach Ort von einem 100 Yards langen Küstenabschnitt bis zum gesamten ausgewiesenen Badebereich.
Die Bakterienbelastung überschreitet die gesundheitsrechtlichen Grenzwerte. Schwimmen, Surfen und der Eintritt ins Wasser sind deshalb nicht überall vernünftig. Das klingt widersprüchlich: Hitzewarnung und Küstenwarnung gleichzeitig. Doch die beiden Meldungen beantworten verschiedene Fragen. Die eine betrifft die Luft, die andere das Wasser. Zusammen zeigen sie, wie wenig Auswege einer Stadt bleiben, wenn die Temperaturen selbst das Wasser unbenutzbar machen.
Nicht jeder Strand bleibt gesperrt. Malibu Lagoon bei Surfrider Beach und Inner Cabrillo Beach in San Pedro wurden nach neueren Proben wieder von der Warnliste genommen, weil die Werte innerhalb der staatlichen Standards lagen. Der Beach Report Card bleibt trotzdem miserabel: Redondo Beach und der Bereich am Manhattan Beach Pier erhielten ein „F“, Malibu Lagoon bei Surfrider Beach ein „C“. Das ist keine Fußnote neben der Hitzewarnung. Es ist die Bilanz einer Freizeitinfrastruktur, die sauber, sicher und offen sein soll und stattdessen Warnhinweise verteilt.
Die „coastal disputes“ sind deshalb kein Strandthema für Feierabend. Für viele ist der Ozean die naheliegende Flucht aus der Hitze. Doch die menschliche Gesellschaft hat offenbar weder ein sauberes Schwimmwasser noch verlässliche Abkühlung organisiert. Die Behörden können schließen, warnen und Proben nehmen. Beseitigen müssen sie die Ursache. Welche genau die Bakterienbelastung erzeugt, sagen die Warnungen nicht. Ohne saubere Abwasser- und Gewitterinfrastruktur wäre diese Suche ohnehin eine Suche nach dem letzten Papierstreifen im Nebel.
Indonesien steckt in derselben globalen Strömung, nur zeigt sie sich als Feuer. Teile des Landes erleben eine extreme Waldbrandsaison, die in den vergangenen Monaten ihren Höhepunkt erreichte. Besonders schwer getroffen wurden Westkalifornien auf Borneo und der Süden Sumatras. Der fehlende Regen hat die sonst meist wasserreichen tropischen Böden ausgetrocknet. Brände können dadurch sowohl über als auch unter der Oberfläche rasch um sich greifen.
Besonders giftig wird die Lage durch Indonesiens torfreiche Böden. Werden sie verbrannt, entstehen wegen des Peats höhere Anteile toxischer Gase wie Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid. Der Rauch ist damit nicht nur sichtbar. Er trägt chemische Lasten über die Region. Städte in den umliegenden Gebieten verzeichneten in den vergangenen Wochen eine verschlechterte Luftqualität.
Auch hier spielt El Niño eine zentrale Rolle. Während des El Niño werden Gewitteraktivitäten unterdrückt. Dürftiger Regen, trockene Landschaft und Waldbrände verstärken einander. Das ist kein Zufall, den man bequem einer Wetterbehörde anlasten kann. Es ist eine Kette: Ozeantemperatur, Druckverhältnisse, ausbleibender Regen, austrocknender Boden, Torfbrände und Gift in der Luft.
In Kalifornien lautet die Kette Hitze, Hochdruck, Feuergefahr und kontaminiertes Küstenwasser. In Indonesien: Dürre, Unterdrückung der Gewitter, Torffeuer und toxischer Rauch. Zwei Kontinente, dieselbe planetare Störung. Die Römer mochten den Blitz für ein Zeichen der Götter gehalten haben. Die moderne Wetterkunde nennt es Muster. Das System bleibt indifferent. Es produziert Hitze, Feuer und vergiftete Luft, während die Gesellschaften zwischen Warnhinweisen, Feuerwehren und gesperrten Stränden jonglieren.
Wenn der Ozean die Flucht ist und der Rauch den Himmel zumacht, hat die Zivilisation nicht nur gegen das Wetter verloren. Sie hat sich selbst den Ausgang verstellt.
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