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26. Oktober 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Al Jazeera im Fadenkreuz: Spionage, Werbung und ein gehackter Start

26. Oktober 2026 — Morrison, over and out.

Fast zwölf Stunden nach dem Start der englischen Website von Al Jazeera schlug der erste schwarze Fleck in den Bildschirm. Der katarische Nachrichtensender war gerade online gegangen, da wurde die Seite Ziel eines Hackerangriffs. So schnell kann der Start eines Nachrichtenportals in eine Schlagzeile kippen.

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Parallelattacke. Unbekannte sollen Geräte des Senders mit Candiru infiziert haben, einem Staatstrojaner. Nach den Angaben führte der Weg über Online-Werbung. Eine Anzeige, ein verführerisch platziertes Banner, dahinter der Schadcode. So unspektakulär klingt der Einstieg in moderne Spionage. So bequem ist er.

Im Netz braucht ein Angriff keine offene Tür. Er kann durch die Lieferung des Botengels geschehen, als unsichtbarer Gruß unter einer Meldung. Der Nutzer sieht Nachrichten, Zahlen, Bilder. Er sieht nicht das zweite Gesicht der Werbung. Das Gerät ist bereits erfasst, während der Bildschirm weiter so tut, als wäre nichts geschehen.

Für Al Jazeera ist das mehr als ein Ärgernis auf einer Dienstagabendseite. Der Sender beschäftigt Journalisten, deren iPhones nach den Erkenntnissen von Citizen Lab bereits im Sommer Ziel eines Spyware-Angriffs waren. Die Forschenden stellten fest, dass dabei ein Exploit für Apples iMessage zum Einsatz kam. Er kompromittierte die Geräte, ohne dass die Zielpersonen dafür klicken mussten.

Das ist die Gemeinheit des Exploits: Er verlangt keine Unachtsamkeit. Kein falscher Link, kein überzeugender Anruf, keine getarnte App. Die Schwachstelle liegt in der Funktion, die für Vertrauen steht. Wer miteinander schreibt, erwartet Worte, keine Waffen. Genau dort setzt der Schadcode an.

Die Verbindung zwischen den Angriffen auf die englische Website und der Infektion von Geräten ist nicht öffentlich belegt. Auch die Täter bleiben unbekannt. Niemand hat nachgewiesen, dass dieselben Akteure hinter beiden Angriffen stehen, wer den Einsatz von Candiru angeordnet hat oder wer die Online-Werbung kontrollierte. Fest steht: Al Jazeera wurde von mehreren Seiten angegriffen. Diese Seiten sehen nicht nach einer gemeinsamen Front aus. Sie wirken eher wie Türen in einem Gebäude, von dem niemand den Grundriss kennt.

Und doch fügt sich das Bild zu gut. Ein Nachrichtensender, ein gezielter Angriff auf die Technik seiner Journalisten, ein gehackter englischer Auftritt. Dazu ein Sender, dessen politische Rolle ohnehin bestritten wird. Israels Regierung bezichtigt Al Jazeera schon länger der Propaganda. Das ist eine Regierungsanklage, keine Feststellung, und sie beweist nichts über die Hacker. Aber sie sorgt dafür, dass jeder technische Vorfall sofort in einem politischen Keller landet.

Die neue englische Website sollte das Medium verbreitern. international auftreten, größere Reichweite gewinnen, den eigenen Namen über die Grenzen der arabischen Welt hinaus tragen. Kaum zwölf Stunden später wurde sie selbst zum Nachrichtenstoff. Der Start sah aus wie eine Türöffnung. Dann kam der Riegel von der anderen Seite.

Für Al Jazeera ist der Angriff auf das Team zugleich eine Belastungsprobe für das Verhältnis Israels zu Katar. Beide Regierungen führen seit Jahren einen vielstimmigen Streit, in dem Medien,用以 die eigenen Positionen zu stabilisieren. Al Jazeera ist dabei nicht nur Sender, sondern Instrument der jeweiligen Seite. Die Spyware-Attacke macht aus dieser ohnehin scharfen Publicity eine Angelegenheit nationaler Sicherheit.

Das ist die schmutzige Rechnung: Je politischer die Begriffe werden, desto leichter lässt sich ein technischer Angriff als staatliche Aktion verbuchen. Dabei wissen die Betroffenen nicht, wer lauscht. Sie wissen nur, dass ihr Telefon zum Spion wurde und ihre tägliche Arbeit einen Schatten bekam, den sie nicht abschalten können.

Und die Werbung? Sie blinkt weiter. Sie verspricht Produkte, Konten, Klicks, Erlebnisse. Sie sieht harmlos aus, sauber geschnitten, wie eine Gebrauchsanweisung für den Alltag. Das Netz hat den alten Trick des vergifteten Briefes nicht vergessen. Es hat ihn nur effizienter gemacht.

Im Netz beginnt der Angriff nicht mit dem Schuss, sondern mit dem Banner, das höflich blinkt: Wer kontrolliert dann noch die Grenze zwischen Information und Angriff?

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