Der Datenberg ist kein Randphänomen, sondern das neue Grundwasser
Die Idee war erschreckend einfach: Auskunftsersuchen an hunderten Unternehmen. Gregor Ziegltrum und Dennis Schulz nutzten das durch die Datenschutzgrundverordnung eingeräumte Recht auf Zugriff auf ihre persönlichen Daten, um ihre digitalen Leben zu rekonstruieren. Die DSGVO verpflichtet Unternehmen, die über eine Person gespeicherten personenbezogenen Daten auf Anfrage herauszugeben. Was dabei zum Vorschein kam, war mehr als eine Liste von Einkäufen und Login-Zeiten: ein fragmentiertes, erstaunlich weit verzweigtes Bild des eigenen Lebens. Ihre Untersuchung schildern die beiden Softwareentwickler im am 22. Oktober 2026 geführten Interview „Lasst Euch nicht mit dem ersten Datensatz abspeisen!“.
The idea was alarmingly simple: send information requests to hundreds of companies. Gregor Ziegltrum and Dennis Schulz used the right of access to their personal data guaranteed by the General Data Protection Regulation to reconstruct their digital lives. The GDPR requires companies holding personal data about a person to disclose it on request. What emerged went far beyond shopping lists and login times: a fragmented, surprisingly intricate picture of their own lives. The two software developers describe their investigation in an interview conducted on October 22, 2026, titled “Don’t Settle for Just the First Dataset!”
Die Zahlen markieren die schockierende Größe dieses Berges. Ziegltrum und Schulz berichten, mehr als hundert Unternehmen angefragt und insgesamt fast 150 Stellen erreicht zu haben – darunter Meta, Spotify, LinkedIn, Reddit, Google-Dienste wie YouTube, Taxi-Apps, Banken, Krankenkassen und einen Passwort-Manager. Manche Anfragen stellten beide, andere nur einer von ihnen. Bei den Unternehmen, die antworteten, sollen jeweils mehr als 6.000 Dateien eingegangen sein. Zählt man diese Rückläufe zusammen, entsteht der Eindruck, jeder Mensch hinterlasse bei Dutzenden Konzernen Spuren, die weit über das hinausgehen, was er selbst unmittelbar sieht.
Die genannten Werte stammen aus einem einzigen Interview. Im vorliegenden Gesprächsprotokoll ist keine unabhängige Prüfung der exportierten Datenbestände dokumentiert. Auch die Dateizahl beweist nicht, dass jede Datei einen neuen Sachverhalt enthielt: Dateien können Duplikate, Fehlversuche, exportierte Verzeichnisse oder veraltete Angaben enthalten. Sie belegt weder eine vollständige Offenlegung noch ein gleich großes Datenarchiv bei jedem Unternehmen. Der Befund ist dennoch beunruhigend, weil er die Breite der在公司landschaft sichtbar macht: Selbst kleine Anwendungen scheinen Daten über ihre Nutzer zu führen, während große Plattformen, Versicherungen und Zahlungsdienstleister tiefer und länger in den Alltag hineinsehen.
Das Interview zeigt, wie Konzerne Daten über Individuen speichern und in welcher Form sie sie zurückspielen. Die Antworten erscheinen als Dateien aus unterschiedlichen Systemen: Profile, Nutzungsprotokolle, Bestellhistorien, Verbindungsdaten, Zeitstempel und gespeicherte Inhalte. Erst in der Gesamtheit werden daraus Muster. Anhand von Social-Media-Daten rekonstruierten Ziegltrum und Schulz, wie sich ihre Interessen im Laufe der Zeit verschoben. Mit mehreren Datenquellen zeichneten sie außerdem ihren Tagesverlauf nach. Was der Einzelexport als trockene Akte aussehen ließ, wurde zum Bewegungsprofil.
Genau deshalb ist der Titel keine bloße Pointe. „Lasst Euch nicht mit dem ersten Datensatz abspeisen!“ bedeutet: Der erste Datenbestand ist kaum mehr als eine ausgetauschte Karte. Wer wirklich wissen will, was über ihn existiert, muss Hunderte solcher Karten zusammentragen und vergleichen. Ziegltrum und Schulz demonstrieren damit zugleich das Potenzial, mit dem Individuen ihre bei Unternehmen gespeicherten Daten selbst analysieren können. Sie rekonstruieren nicht nur einen vergangenen Zustand, sondern vergleichen Quellen, Zeiträume und Bezüge. Das macht aus dem Auskunftsrecht ein Werkzeug der Selbstermittlung.
Doch hier liegt die Machtfrage. Das Recht öffnet den Zugang zu einer Tür, deren Schlüssel bereits beim Unternehmen liegt. Die Konzerne haben die Daten gesammelt, gespeichert, verknüpft und technisch durchsuchbar gemacht. Ziegltrum und Schulz mussten dafür hunderte Anfragen stellen; bei der Gesellschaft verfügen die entsprechenden Strukturen bereits über die Daten, die Nutzer erst mühsam zusammensuchen. Der Einzelne kann sein eigenes Profil analysieren. Ob er einen Gleichstand im Zugriff erreicht, ist eine andere Frage. Die Aussage des Interviews lautet daher nicht, dass die Machtverteilung durch die DSGVO ausgeglichen werde. Es beschreibt vor allem eine Sichtbarmachung dessen, was bislang hinter der Fassade blieb.
Ungeklärt bleibt vor allem das tatsächliche Volumen. Über 6.000 Dateien sind eine eindrucksvolle Aktenzahl, aber keine belastbare Angabe über die Zahl unterschiedlicher Datenpunkte. Wie viele Einträge enthalten die Dateien? Wie lange bleiben sie gespeichert? Welche Angaben sind mehrfach vorhanden? Welche Profile entstehen erst durch die Kombination von Zeit, Ort, Konto und Interaktion? Welche Daten wurden nicht herausgegeben oder gar nicht erhoben? Das Interview beantwortet diese Fragen nicht vollständig. Ohne Prüfung der Rohdaten bleibt offen, ob die sichtbaren Rückläufe die tatsächlichen Bestände unterschätzen.
Ebenso offen ist der Zugriff. Wer darf die gesammelten Angaben einsehen? Wie lange bleiben sie zugänglich? Wer darf sie zusammenführen, auswerten und weiterverkaufen? Welche Kontrollen verhindern, dass ein Export beim Unternehmen selbst neue Profile oder Fehler erzeugt? Wer trägt die Folgen, wenn ein Konzern aus Fragmenten eine falsche, aber überzeugende Geschichte über eine Person baut? Aus dem Bericht lässt sich nicht ableiten, dass entsprechende Zugriffe missbräuchlich stattfinden. Die Fragen sind dennoch unverzichtbar: Die Macht folgt nicht aus dem bloßen Besitz einzelner Datensätze, sondern aus ihrer Masse, Dauer und Verfügbarkeit.
Daraus ergibt sich die Warnung vor einer permanenten digitalen Überwachung. Sie braucht nicht einen allwissenden Blick, sondern viele kleine, bereits vorhandene Blicke. Jede Anwendung liefert ein Stück; die Platform ergänzt es, die Bank ein anderes, der Arbeitgeber ein weiteres. Werden diese Fragmente dauerhaft gespeichert und verknüpft, kann aus einer Person ein fortlaufend aktualisiertes Profil entstehen. Das Interview beweist nicht, dass eine solche Überwachung bereits in diesem Umfang betrieben wird. Es zeigt aber, dass die technische und organisatorische Grundlage dafür auffällig breit und alltäglich sein könnte.
Die Bilanz bleibt doppelt: Ziegltrum und Schulz haben gezeigt, wie viel über einzelne Menschen bei Unternehmen liegen kann. Und sie haben mit ihren Analysen bewiesen, dass Betroffene ihre Daten zurückfordern, sortieren und prüfen können. Der erste Datensatz genügt nicht. Die eigentliche Gefahr beginnt dort, wo kein Betroffener mehr die Gesamtheit seiner Spuren sieht. Die Macht liegt bei denen, die sie bereits zusammengeführt haben.
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