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Terminal Tribune

31. Oktober 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Kiew im Dunkeln: Streit um den Winter und eine Lücke im Alarm

31. Oktober 2026 — Morrison, over and out.

Regen hängt über Kyjiw wie eine schlechte Nachricht. Rauch von den Brandstellen kriecht über die Dächer, auf einem Platz schlägt Metall auf Schutt. Nur ein Notstromaggregat wirft gelbes Licht. Und mitten in dieser Finsternis streiten Wolodymyr Selenskyj und Vitali Klitschko öffentlich darüber, ob die Hauptstadt auf den nächsten Winter im Krieg gegen Russland vorbereitet ist.

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Der Streit hat einen Kopf, und der Kopf ist Kiew. In einer Videobotschaft sagt Selenskyj: »Jeder Kiewer sieht, dass die Stadt wirklich nicht vorbereitet ist.« Mitte Oktober seien die Notfallpläne praktisch im ganzen Land weiter fortgeschritten als in Kyjiw – sogar in den Grenz- und Frontregionen. Die Hauptstadt, das Schauplatzgestirn des Widerstands, soll schlechter gerüstet sein als das übrige Land, das den Angriff erträgt. Das ist die Behauptung des Präsidenten. Klitschko weist sie zurück. Nicht ohne Zorn: Der Vorwurf sei unbegründet, die Präsidialverwaltung wolle die kommunale Selbstverwaltung zerstören und ihn als Bürgermeister absetzen. »Die Menschen haben mich gewählt«, schreibt er auf Telegram. Selenskyj und Klitschko sind seit Jahren Rivalen; Klitschko ist seit 2014 Bürgermeister.

Persönliche Fehde, ja. Aber sie darf nicht die Prüfung der Maschine ersetzen. Die Maschine hat Zähne. Klitschko nennt den Zustand der Stadt »Überlebensmodus«. Die Wintervorbereitung ist mangelhaft, das behauptet Selenskyj, und die Praxis widerspricht dem Bürgermeister nicht. Die Angriffe erschweren den Aufbau einer Notversorgung mit Wärme und das Anlegen von Vorräten an Treibstoff, Lebensmitteln und Wasser. Schon einzelne Treffer von Shahed-Drohnen iranischer Bauart verursachten in weiten Teilen Kyjiws Strom- und Wasserausfälle. Was gilt als Notfallplan, wenn die Flugabwehr ausfällt und ein Schlag ins Netz reicht, um halbe Viertel zu verdunkeln? »So gut wir uns auch vorbereiten: Wenn die Flugabwehr nicht funktioniert, könnte uns eine schlimme Lage bevorstehen«, warnt Klitschko. Und präziser: »Sündenböcke zu suchen, verschafft den Menschen keine zusätzliche Wärme.« Das ist die härteste Diagnose im Streit. Sie nennt keinen Schuldigen. Sie nennt eine Lücke.

Und die Lücke hat gerade wieder gearbeitet. In der zweiten Nacht in Folge meldete Selenskyj schwere Angriffe auf die Ukraine. In Kyjiw wurde ein mehrstöckiger Wohnblock beschädigt und ein Heizkraftwerk getroffen, eines der Hauptkraftwerke der Stadt. Einsatzkräfte kämpften gegen die Flammen. Mindestens ein Mensch war tot, sechs verletzt. Selenskyj sagte, die Raketen seien erst im Anflug auf Kyjiw von Radaren entdeckt worden. Eine Warnung erst, wenn der Einschlag schon den Himmel teilt, ist keine Warnung. Es ist ein Uhrwerk aus Alarm und Rauch.

Nur wo bleibt die internationale Alarmkette, die vor dem Einschlag hätte ertönen müssen? »Wieder einmal gab es keine frühzeitige Warnung von unseren Partnern«, schrieb Selenskyj. Es war bereits das zweite Mal in dieser Woche. Am Vortag hatte er angedeutet, dass die USA die Ukraine nicht mehr vor russischen Angriffen warnen. Er verlangte ein starkes Amerika, ein starkes Europa und Partner, »die wirklich helfen«.

Trump antwortet mit Gegenrede. Der US-Präsident bestreitet die Vorwürfe, die Ukraine erhalte keine Geheimdienstinformationen mehr. »Wir helfen ihnen und wir teilen Geheimdienstinformationen«, sagt er. Die USA wollten, dass der Krieg ende. Mehr nicht.

Da klafft der Widerspruch, technisch wie politisch. Selenskyj sagt: Es gab keine Warnung. Trump sagt: Die Informationen fließen. Wie soll beides zugleich gelten? Es kann. Eine Kette kann Daten transportieren, ohne ein Alarmsignal auszulösen. Ein Verbündeter kann Geheimdienstwissen teilen, während einzelne Meldungen in einer verstopften Leitung hängen. Die Ukraine verlässt sich traditionell auf Aufklärungsdaten des US-Militärs und anderer Nato-Mitgliedstaaten. Fällt ein Glied aus, trägt Kiew den Schaden. Findet sich keines, trägt Kiew ebenfalls den Schaden. Die Verantwortung verliert sich im Dunst. Die Folgen nicht.

Laut SPIEGEL gab es in der Nacht zum Dienstag ein technisches Problem, durch das die ukrainische Seite keine Warnmeldungen erhielt. Ob der Ausfall auch die jüngste Angriffsnacht betraf, ist unklar. Unklar bleibt auch, wer zuerst suchen muss: die USA, die Nato oder Kiew. Und welchen Wert hat eine Wartungsstörung in einer Kriegswinter-Nacht, wenn am Ende ein Mensch tot bleibt und ein Heizkraftwerk brennt?

Eine technische Erklärung ist noch keine Verantwortung. Selenskyj kann den Verbündeten nicht vorschreiben, wie viel sie wissen. Klitschko kann die Stadt nicht allein retten. Trump kann Vorwürfe bestreiten, ohne dass in Kyjiw eine einzige Wohnung wieder warm wird. Der Zirkus läuft weiter, aber die Heizung bleibt kalt.

Man muss den Zirkus nicht mögen, um ihn zu durchschauen. Zwei Männer streiten um Zuständigkeiten, während die Stadt friert, Leitungen reißen und der Krieg seine Rechnung in Schritten, Atemzügen und Kilowattstunden eintreibt. Das macht den Streit nicht wertlos. Es macht ihn zur schlechten Deckung für das, was fehlt: Reserven, redundante Netze, verlässliche Alarme, entschlossene Reparaturen im Morgengrauen.

Für Kiew geht es um mehr als einen politischen Sieg. Es geht darum, ob die Stadt den nächsten Winter übersteht, während Russland weiter Shahed-Drohnen schickt, Verbündete Daten liefern und ihre Warnungen bestreiten und die Hauptstadt im eigenen Land als Nachzügler dasteht. Das Publikum hat keine Fensterreden. Das Publikum hat Frost.

Der Winter fragt nicht, wer recht hat. Er fragt nach Wärme.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZITAT «Jeder Kiewer sieht, dass die Stadt wirklich nicht vorbereitet ist»

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  2. ZAHL Mindestens 15 Tote nach russischen Angriffen auf Kyjiw verzeichnet

    in der Recherche gefunden

  3. ZITAT Selenskyj beklagt die fehlende Vorwarnung vor russischen Raketenangriffen in Kyjiw

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  4. ZAHL Auf Angriffe auf Kyjiw wurden ein Wohnblock und ein Heizkraftwerk getroffen

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  5. ZITAT Selenskyj kritisierte die Vorbereitungen auf den Winter als mangelhaft

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

  • 4 weitere Quellen waren beim Schreiben nicht abrufbar

5 Quellen · 1 davon belegt · 4 externe Belege · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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