3,7 Milliarden Euro für Hubschrauber, die vorerst nicht schießen
Die Bundeswehr beschafft 82 neue Kampfhubschrauber vom Typ H145M. Dafür zahlen Steuerzahler 3,7 Milliarden Euro. Je nach Ausstattung und eingerechneter Unterstützung liegt der Stückpreis im Bereich von etwa 45 Millionen Euro. Die Maschinen sollen bis Ende der 2020er Jahre ausgeliefert werden. Doch neue Kampfhubschrauber bleiben vorerst ohne Bewaffnung. Der Hubschrauber ist da. Die Kampfkraft nicht.
The Bundeswehr is procuring 82 new H145M combat helicopters at a cost of €3.7 billion to taxpayers. Depending on the equipment and support included, the price comes to roughly €45 million per aircraft. The helicopters are due to be delivered by the end of the 2020s. For now, however, the new combat helicopters remain unarmed. The helicopters are there. The combat power is not.
Die ersten Exemplare sind bereits in Ausbildungseinheiten angekommen. Sie werden zunächst in einer vorläufigen Konfiguration übergeben, die lediglich für Ausbildungszwecke geeignet ist. Der Plan zur Bewaffnung der Kampfhubschrauber ging nicht auf.
Bei der 20-Millimeter-Bordkanone fehlt die Sicherheitsfreigabe für die Munition. Das Anzündhütchen reagiert empfindlich auf elektrostatische Einflüsse. Wann der Hersteller dieses Problem lösen kann, ist derzeit unklar. Das klingt nach einem technischen Detail. Ist es nicht. Das Anzündhütchen ist die Schwelle zwischen motorgetriebenem Flug und Gefechtswert. Solange es blockiert ist, bleibt die Bordkanone stumm.
Bei den vorgesehenen Panzerabwehrraketen läuft es ebenfalls schief. Ein Test wurde wegen Problemen mit der Steuerung abgebrochen. Die Lieferungen sind erst ab Ende 2027 geplant, getestet werden soll bis 2029. Liefertermine sind noch keine Waffen.
Wo und wann die vollständige Bewaffnung der Maschinen ankommt, lässt sich daraus nicht ableiten. Für die Munition fehlt eine belastbare Frist. Bei den Raketen liegen die Years – das Ende der 2020er – zwischen dem geplanten Start und dem geplanten Nachweis. Bis dahin gilt: Die Besatzung sitzt in einem teuren Instrument, das sie im Ernstfall vor allem transportieren kann.
Verkauft wird das trotzdem im Rekordtempo. Boris Pistorius will die Truppe im Rekordtempo aufrüsten – mit Waffensystemen, die es schon auf dem Markt gibt und die nicht langwierig entwickelt werden müssen. Das Konzept setzt auf zivile H145-Modelle wie aus dem Rettungsdienst, modular mit Waffen und Selbstschutz nachgerüstet. Schnell beschaffen, schnell umrüsten, einsetzen.
Der Bundesrechnungshof sieht die Sache anders. In einem Bericht, der dem SPIEGEL vorliegt, warnt er, das Projekt befinde sich auf einem „kritischen Pfad“. Der enorme Aufwand für die militärische Umrüstung ziviler Luftfahrzeuge sei unterschätzt worden. Die volle Einsatzbereitschaft verzögere sich um mehrere Jahre.
Das ist kein Veto gegen den Hubschrauber. Es ist eine Warnung vor dem Aufpreis. Der Kaufpreis von rund 45 Millionen Euro pro Maschine beschreibt den Markt. Er sagt nichts über den Gefechtswert. Für 3,7 Milliarden Euro hat der Staat 82 Hubschrauber samt Ausrüstung und Support bestellt. Die Waffen kommen obendrauf. Wie viel sie kosten, wie lange sie brauchen und ob sie am Ende überhaupt bestehen: eine offene Rechnung.
Die NATO wartet nicht auf unfertige Maschinen. Deutschland hat zwölf einsatzbereite Hubschrauber bis 2029 und insgesamt 72 bis 2032 zugesagt. Nach Einschätzung der Prüfer gefährdet die Verspätung diese Zusagen. Sie empfehlen, weitere 33 Maschinen vorerst nicht zu bestellen, bis die Probleme gelöst sind. Das Verteidigungsministerium weist die schärfsten Befürchtungen zurück und will die Kritikpunkte prüfen.
Prüfen ist vorerst der billigste Schritt. Der Haken ist offenkundig: Wer aufrüsten will, kann nicht auf die Waffen warten.
Und hier liegt der Kern der ganzen Beschaffung. Wo kommen die Waffen her? Wann wird die 20-Millimeter-Munition freigegeben? Wann sind die Panzerabwehrraketen getestet? Welche Hubschrauber werden zuerst vollständig bewaffnet an die Truppe übergeben? Auf diese Fragen gibt es keine glatte Antwort. Die Lieferpläne versprechen Maschinen bis Ende der 2020er Jahre. Für den Tag, an dem sie wirklich kämpfen können, gibt es keinen belastbaren Plan.
Der Anspruch des Rekordtempos steht gegen die Praxis der Lieferketten. Pistorius wollte verfügbare Systeme, keine langen Entwicklungen. Was daraus wurde, ist eine Reihe teurer Maschinen, deren entscheidende Ausrüstung noch auf sich warten lässt. Der Rechnungshof setzt den Haken bei den Kosten. Das zivile Erbe der H145 setzt einen zweiten bei der Waffe. Beide Haken together.
So kann es nicht bleiben. Eine Bundeswehr, die im Rekordtempo aufrüstet, braucht Waffen, nicht nur Fluggerät. Verlässliche Lieferanten, abgenommene Munition, erprobte Raketen. Sonst ist der Hubschrauber nur eine teure Erklärung dafür, wie gut Deutschland aufgestellt ist.
Die Maschinen fliegen. Die Waffen fehlen. Bis beide da sind, bleibt die neue Kampfflotte eine teure Vorschau. Die Kampfkraft ist bislang nur eine teure Zusage.
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